Im Schatten des Orangenbaums

  • Text & Bild von nip

Ein imposantes, von Ornamenten und schweren Teppichen geschmücktes Haus. Ein Anwesen voller Leben, gesäumt von unzähligen Orangenbäumen, die saftige Früchte tragen. Die warme, knisternde Luft verströmt scheinbar durch den Bildschirm hindurch den Duft von Orangenblüten. Ein Vater lehrt seinem Sohn ein Gedicht. Sharif. Der Sohn, Salim, etwa vier Jahre alt, wissensdurstig, aufgeweckt und verspielt, lacht und plappert Sharif fröhlich nach. Ein leichter Sepia-Filter verrät: Diese Idylle wird nicht ewig währen.

Die erste Szene von «Im Schatten des Orangenbaums» (Originaltitel «Allly baqi mink») nimmt uns mit an einen historischen Moment, an dem alles endete und zugleich alles begann. 1945, das Ende des zweiten Weltkriegs. Der Beginn der Frei- heit für viele, das Ende des Friedens für andere. Die Menschen in Rafah gehören zu den anderen. Die Plünderung der Grundstücke und Besitztümer der dort lebenden Menschen. Die Vertriebenen. Darunter auch Salim, seine Mutter, seine Geschwister. Die Gefangenen, die sich gegen die Invasion wehren. Darunter Sharif. Die Jahre der Unterdrückung in den Lagern der geflüchteten Menschen. Bald werden sie zu Städten. Der nun erwachsene Salim und seine Frau, Hanan, die sich durchschlagen. Die alles geben, um ihre Kinder vor den ständig lauernden Gefahren zu schützen. Diejenigen, die stillhalten. Und diejenigen, die den Weg des Wiederstands wählen.

Die persönliche Familiengeschichte der kanadisch-palestinensisch-jordanischen Regisseurin Charien Dabis geht unter die Haut. Die Geschichte begleitet mehrere Generationen, ihren ein halbes Jahrhundert lang fortwährenden Wunsch nach Gerechtigkeit und ihre unbändige Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Heimat. Die Geschichte ist feinfühlig erzählt, die Charaktere sind komplex. Niemals wirkt der Film moralisierend, er schafft Verständnis für einen tiefsitzenden Schmerz – und die dazugehörige Wut. Er schafft aber auch Verständnis für die Nostalgie, für die Liebe der Protagonist*innen zu ihrem Boden, für die Hoffnung, die niemals erlischt. Der Orangenbaum als Symbol für den fortwährenden Traum von Gerechtigkeit. 

«Im Schatten des Orangenbaums» fasst seine Botschaft nicht in Worte, sondern in Gefühle. Sein stärkstes Werkzeug ist die Menschlichkeit. Es ist ein Film, der eine Geschichte erzählt. Eine wahre Geschichte. Eine von vielen Palästinenser*innen. Dieser Film vermag mehr auszulösen als fünfhun- dert Zeitungsartikel über Gaza.