Massenentlassungen bei Volkswagen

Redaktionsschluss für diesen Text war der 17. September 2026. Mögliche spätere Entwicklungen sind nicht abgebildet.

Volkswagen hat den Abbau von bis zu 50‘000 Stellen angekündigt. Kommt es bald zu einem historischen Streik?

Die europäische Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise. Ende 2024 kommunizierte der deutsche Autohersteller Volkswagen (VW) den Abbau von 35‘000 Stellen bis 2030. Diese Zahl war das Resultat langer Verhandlungen zwischen VW und der Industriegewerkschaft Metall (IG-Metall). Zu den Verhandlungsresultaten gehörte auch das Versprechen, dass die VW-Werke in Deutschland erhalten bleiben sollten. 

Doch im März 2026 hat Konzernchef Oliver Blume angedeutet, dass weit mehr als die vereinbarten Stellen auf der Kippe stehen: Zwischen 50‘000 und 120‘000 Stellen seien laut verschiedenen Quellen bedroht. Ausserdem sei die Zukunft mehrerer deutscher Werke gefährdet. Gründe dafür sind einerseits die nachlassende Kaufkraft, andererseits auch der Wettbewerbsdruck, der durch günstige chinesische Autos entsteht. 

Die Nachricht über den radikalen Sparkurs verursacht grosse Unsicherheit bei den Arbeiter*innen der VW-Werke. Wird auch ihre Stelle davon betroffen sein?

So nicht mit uns

Die deutsche IG-Metall hat über 2.2 Millionen Mitglieder und ist damit die weltweit grösste organisierte Arbeitnehmer*innenvertretung. Davon sind über 90‘000 Arbeiter*innen bei Volkswagen angestellt. 

Diese starke Organisierung bedeutet auch: Die Arbeiter*innen von VW haben für gewöhnlich ein Wörtchen mitzureden in Sache Arbeitsrechte. Gerüchte um einen Streik haben diesen Sommer die Runde gemacht. Einen von der IG-Metall unterstützten Streik wird es wohl aber laut offiziellen Statements der IG-Metall bis zum neuen Jahr nicht geben, da bis Ende 2026 eine Friedenspflicht vereinbart ist. Das bedeutet aber nicht, dass es generell keinen Protest geben kann.

Ein grossflächiger Streik wäre ein Novum: Tatsächlich haben die Arbeiter*innen der Metallindustrie in der Nachkriegszeit in Deutschland noch nie länger gestreikt. Zuletzt wäre es in den 1970er Jahren wegen des Haustarifs fast zu einem flächendeckenden Streik bei VW gekommen. Doch in letzter Minute hatte VW sich auf Verhandlungen eingelassen, und der Streik wurde abgeblasen. Wenn die aktuelle Krise bei VW zu einem grossflächigen Streik führt, könnte dies deshalb ein historischer werden. 

Bei VW reichten bisher sogenannte «Warnstreiks» aus: 2003, 2013, 2018 und 2021 bestreikten VW-Arbeiter*innen den Konzern an bestimmten Standorten in Deutschland kurzzeitig. Bei einem Warnstreik wird die Arbeit bewusst für einige Stunden niedergelegt. Damit will die Gewerkschaft den betroffenen Konzern typischerweise zum Entgegenkommen gegenüber ihren Forderungen betreffend Löhne oder Arbeitsbedingungen bewegen.

Hitlers Prestigeprojekt

Volkswagen ist kein beliebiger Konzern, sondern historisch gesehen ein sehr wichtiger Arbeitgeber mit durchzogener Vergangenheit. Und - der erste deutsche Hersteller von Autos für die breite Bevölkerung. 

Die Idee eines Automobils für die Massen kam in Deutschland bereits in den 1910er Jahren auf. Vorbild waren die USA, wo Ford 1908 mit dem erschwinglichen Modell «T» das erste Auto als Massenware produzierte. Durch die Einführung von Fliessbandarbeit konnte der Preis des Modells «T» zwischen 1908 und 1920 massiv gedrückt werden. Der Wagen wurde dadurch für mehr Menschen erschwinglich – durch ständige Effizienzsteigerung und damit einhergehend zunehmender Ausbeutung der Arbeiter*innen.

Ein vergleichbares Modell sollte im frühen 20. Jahrhundert auch in Deutschland eingeführt werden. Adolf Hitler war es, der sich der Umsetzung als Nazi-Prestigeprojekt annahm. Hitler investierte 1933 mehrere hundert Millionen Reichsmark in das Propagandaprojekt «Kraft durch Freude» (KdF), das unter anderem zum Ziel hatte, dem «deutschen Volk» einen «Volkswagen» zugänglich zu machen. 1938 entstand der erste VW-Käfer. 1938 wurde die Automobilherstellung vom Projekt «KdF» abgespalten und die «Volkswagen GmbH» gegründet. Obwohl als «Volkswagen» entwickelt, war der Käfer kein Wagen, der nur für die Beförderung von Privatpersonen gedacht war, sondern Teil der Nazideutschen Mobilmachungsstrategie: Er war auch dafür da, deutsche Soldaten an die Front zu transportieren.

Nebst der Herstellung von Automobilen wurde VW 1940 zu einem bedeutenden Rüstungskonzern, der unter Zwangsarbeit Kriegsmaterial für Nazideutschland herstellte. Während des zweiten Weltkrieges wurden in den VW-Werken schätzungsweise 20‘000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ausgebeutet. «In der nationalsozialistischen Kriegsgesellschaft waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter faktisch rechtlos und einer gestuften rassistischen Diskriminierung ausge- setzt. Unzureichende Ernährung, physische Gewalt und Ausbeutung untergruben ihre Gesundheit und gefährdeten ihr Leben», schreibt VW in seiner Firmenchronik.

Eigentumsfragen und Mitbestimmungsrechte

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurden die deutschen VW-Werke von den Alliierten wieder zu hauptsächlich Automobilherstellungswerken umfunktioniert. Diese waren im Nachkriegsdeutschland ein wichtiger Wirtschaftszweig, der vielen Arbeiter*innen das Überleben sicherte. Und er sollte es bleiben. Die Frage, wessen Eigentum VW war, wurde erst bei seiner Privatisierung 1960 vollständig geklärt. Da wurde die Volkswagenwerk GmbH in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt und teilweise privatisiert. 60 % des Kapitals wurden als sogenannte «Volksaktien» verkauft, während jeweils 20 % beim Bund und beim Land Niedersachsen verblieben. 

Durch das 1976 in Kraft getretene Mitbestimmungsgesetz wurde dann die gleichberechtigte Vertretung von Aktionär*innen und Arbeitnehmervertreter*innen im Aufsichtsrat von VW gesetzlich verankert. Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG besteht aus 20 Mitgliedern, von denen zehn die Aktionär*innen und zehn die Arbeitnehmer*innen vertreten. 

Unter dem Strich lässt diese durchzogene Geschichte zwei Begründungsansätze für die Stärke der Arbeiter*innenorganisierung bei VW zu: Erstens war VW in Nachkriegsdeutschland ein unverzichtbarer Wirtschaftszweig, wodurch es bis heute viele Arbeiter*innen in dieser Branche gab und gibt. Zweitens führten historische Altlasten und die Vertretung der Arbeitnehmer*innen im Aufsichtsrat dazu, dass die Interessen der Arbeiten nicht komplett missachtet werden konnten.

Statt Autos israelische Waffen

Da es sich bei Autos seit jeher um Luxusgüter gehandelt hat, werden bei steigendem Wohlstand mehr davon gekauft. Bei sinkendem Wohlstand hingegen spürt die Branche die Auswirkungen sofort, denn anders als beispielsweise bei Lebensmitteln sind die meisten Menschen zum Überleben nicht auf neue Autos angewiesen. 

Die beste Organisierung hilft deshalb langfristig wenig, wenn eine sinkende Nachfrage und eine Rezession (wirtschaftlicher Rückgang) dazu führen, dass die VW-Werke nicht mehr ausgelastet sind. Und wie so oft kriegen letzten Endes die Arbeiter*innen die Folgen einer solchen Krise am meisten zu spüren.

Klar ist: Für die Arbeiter*innen steht die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und damit ihre Existenzsicherung im Zentrum. Wohl wenig Verständnis werden sie deswegen für den Sparkurs von VW haben. Es bleibt zu hoffen, dass sie von der historisch starken Organisierung der Metallbranche in Deutschland profitieren und sich gegendie Verletzung ihrer Arbeitsrechte wehren können – und werden.

Doch Vorsicht ist geboten bei möglichen Umstrukturierungsversuchen zur Erhaltung der Arbeitsstellen: Als Alternative werden den Arbeiter*innen der Metallindustrie (also auch bei VW) vermehrt Stellen in der Rüstungsindustrie angeboten. Wie anfangs September bekannt wurde, soll das VW-Werk in Osnabrück zu einem «Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen» umfunktioniert werden. In anderen Worten: Ein Rüstungskonzern, der Stand heute Komponenten für israelische Luftabwehrsysteme herstellen soll.