Let’s be careful with each other so we can be dangerous together

Oder: wie Regenerativer Aktivismus diesen Artikel rettete.

Wie bleiben wir politisch aktiv ohne daran zu zerbrechen? Seit vier Jahren beschäftigt sich das Kollektiv ( (orrka) ) damit, was es braucht, damit linke Bewegungen langfristig aktiv und handlungsfähig bleiben. Hier erzählt Charlie, wie Regenerativer Aktivismus in einem Moment akuter Überforderung praktisch wurde – und warum Fürsorge und Verbundenheit keine Pause vom politischen Kampf, sondern Teil davon sind.

Ich hatte mir vorgenommen, diesen Sommer einen Artikel zum Thema «Regenerativer Aktivismus» (RA) zu schreiben. Aber dann ist erst der Anschlag auf den CSD in Berlin passiert und nun dieser Horror in Ceuta. Gleichzeitig reissen die Bilder von brennenden Wäldern nicht ab, Wassernotstand, Seenotrettungen werden beschossen, die Kriege, der Genozid. Der Rechtsrutsch rollt während ich in Meetings sitze, versuche für meine Kamerad*innen da zu sein, Menschen an der Grenze zu unterstützen, Aufgaben für mein Kollektiv zu übernehmen, irgendwie noch Haushalt zu schmeissen, Geld zu verdienen, Zeit für Beziehungen zu finden, oder gar für Essen und Schlaf, ach und Wasser trinken, Sport machen, journalen und informiert bleiben. Ich fühle mich, gelinde gesagt, überfordert. Ich spüre eine Spannung in meinem Brustraum und eine Enge in der Kehle. So viel Wut, Trauer und Angst, die nirgends richtig Zeit oder Platz finden. Und nun? Nun widme ich mich trotzdem noch diesem Text. Auch weil mir einmal mehr bewusst geworden ist, wie wichtig Regenerativer Aktivismus ist. Und dass sich genau in diesen Momenten der Überforderung üben lässt, regenerativ aktiv zu sein.

Alleine die Welt retten?

Ich nehme an, dass viele beim Lesen der oberen Zeilen auch diese Spannung und Enge im Hals gespürt haben. Wir teilen sowohl die permanenten Krisen, als auch die permanente Erschöpfung. Und auch dieses Gefühl, nie genug zu machen. Stress ist omnipräsent in unseren Bewegungen, und trotzdem gibt es kaum Raum zum Verschnaufen und Erholen.

Das liegt an der Welt da draussen – aber auch an unserer Organisation im Inneren. Neoliberalismus, Patriarchat, Rassismus und Co. machen keinen Halt vor unseren Strukturen: Individualisierung, Leistungszwang, Entfremdung, Machtverhältnisse und (Selbst-)Ausbeutung erschweren es, gut für sich und einander zu sorgen.

Vielleicht denkst du, Erschöpfung sei einfach der Preis dafür, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Wer ernsthaft politisch ist, muss eben auch dafür brennen. Noch eine Aktion organisieren. Auf noch ein Camp. Noch schnell Nachrichten beantworten. Noch kurz die Moderation übernehmen. Schlafen kann ich später. Oder auch: Wenn ich nur genug leiste, kann ich das Schlimmste verhindern. Aber niemand von uns wird die Welt allein retten. 

Diese Erkenntnis kann zunächst vielleicht unangenehm sein – aber dann auch ziemlich befreiend. Nicht, weil sie Gleichgültigkeit bedeutet, sondern weil sie den Blick verändert. Aktivismus ist keine Heldengeschichte einzelner Personen. Es ist kollektive Praxis. Niemand muss alles können, niemand muss überall sein. Und niemand gewinnt etwas, wenn wir uns auf dem Weg in die Erschöpfung verlieren.

Burnout hat System

Zu oft behandeln wir Burnout noch als persönliches Problem. Ausgebrannte Menschen sollen sich «etwas Gutes» tun und dann wiederkommen. Aber: wenn Selfcare unpolitisch und individualisiert gedacht wird, (re-)produziert sie früher oder später selbst Gewalt und sorgt damit für nur noch mehr kollektive Erschöpfung. Das ist kein Argument gegen ein erholsames Schaumbad, aber eine Aufforderung, Selbstfürsorge radikal zu denken und dort zu verorten, wo sie ihren politischen Ursprung hat: In unseren Beziehungen – zu uns selbst, der Gemeinschaft und der Umwelt. Regenerativer Aktivismus möchte genau diese Beziehungen stärken und damit ein fruchtbares Milieu für langfristigen Widerstand kultivieren. Dabei geht es nicht nur darum, resilienter zu werden und länger durchzuhalten oder unsere Ressourcen nachhaltiger einzusetzen. Wir müssen Bedingungen schaffen, unter denen Menschen und Bewegungen ihre Kraft innerhalb der politischen Arbeit immer wieder erneuern können. RA kann daher als eine politische Kultur verstanden werden, die Fürsorge nicht als Nebensache betrachtet, sondern als Voraussetzung für wirksamen Widerstand. Diese umfasst unter anderem die Art und Weise, wie wir unsere Plena gestalten und Entscheidungen treffen. Wer gehört, gesehen und mitgedacht wird. Wie wir mit unseren Gefühlen und Körpern umgehen. Wie wir streiten, trauern, kämpfen und feiern. 

Es geht darum, gemeinsam durch Krisen zu gehen, ohne dabei unsere Verbundenheit zu verlieren. Gerade in einer Zeit, in der so viele Menschen erschöpft sind, erscheint mir diese Perspektive wichtiger denn je. Die Krisen unserer Zeit werden nicht kleiner. Wahrscheinlich werden sie uns noch lange begleiten. Deshalb können wir es uns nicht leisten, Bewegungen aufzubauen, die ihre eigenen Aktivist*innen kaputt machen. 

Aktiv sein und bleiben

Wir brauchen Bewegungen, die Kraft zurückgeben. Die nicht nur Widerstand organisieren, sondern Verbundenheit schaffen – ausserhalb und gegen die vielen Entfremdungen unserer Zeit.

In diesem Sinne kann Regenerativer Aktivismus auch als präfigurative Praxis verstanden werden: Wir versuchen die Welt und das Miteinander, welches wir anstreben, bereits jetzt schon zu verkörpern. Wie alle Präfigurationen jedoch, sind auch regenerative Räume (noch) nicht frei von Machtdynamiken, Konflikten oder eben Erschöpfung. Sie sind keine perfekten Orte. Vielleicht ist gerade das wichtig, anzuerkennen und besprechbar zu machen. RA ist kein Zustand, den wir irgendwann erreichen. Es ist eine fortlaufende Praxis. Ein ständiges Ver/lernen und Nachjustieren. 

Als ( (orrka) ) versuchen wir, RA selbst zu praktizieren. Und so durfte ich in meinem Zustand akuter Erschöpfung auf mein Kollektiv vertrauen. Das bedeutet in der Praxis, dass Aurélie und Vera Raum für meine Gefühle halten, Michel sich für eine Beratung anbietet, Jan und Jessi mir die Recherche erleichtern, Pia mit mir co-worked und gerade auch noch diesen Text kürzt. Dabei geht es nicht nur um Arbeitsteilung, sondern um das Einüben, die eigene Erschöpfung wahr und ernst zu nehmen, nach Unterstützung zu fragen, diese anzunehmen und damit Verantwortung und Fürsorge zu kollektivieren. Und auch die Versicherung: «Hey, und wenn der Artikel eben nicht fertig wird, dann ist das auch voll ok.» ist Teil dieser Praxis. Manchmal gehört zum Aktivismus auch, Nein zu sagen und etwas doch nicht zu tun. Nicht als Resignation, sondern als Ja zu einem regenerativen Aktivismus und langfristigem Engagement.

Als ( (orrka) ) machen wir aber nicht nur kollektive Selbstfürsorge. Wir forschen und basteln seit vier Jahren daran, wie linke Bewegungen regenerativer werden können. In dieser Zeit durften wir bereits mit diversen Kollektiven und Aktivist*innen erkunden, wie sie langfristig und wohlbehalten aktiv bleiben oder wieder werden können. Wir bieten Workshops, Prozessbegleitungen und Beratungen an. Meist geht es dabei um Arbeitskultur, Zugänglichkeit, Machtbeziehungen, strategische Ausrichtung, oder Umgang mit Emotionen und Körpern. Egal ob organisiert, ausgebrannt, langsam, traurig, wütend, überfordert, motiviert oder einfach nur neugierig: Lasst uns gemeinsam lernen, für eine bessere Welt zu kämpfen, ohne dabei auszubrennen. 

( ( orrka ) ) : Kollektiv für regenerativen Aktivismus
(ehemals «aktiv sein und bleiben»)

Weitere Ressourcen, Angebote und Kontakt-
möglichkeiten unter www.orrka.ch
Zum weiterlesen: Eine ausführliche Fassung
des Artikels findet ihr bald auch auf unserer
neuen Website