Besatzung als Filmkulisse

Die Dreharbeiten zu «Die Odyssee» fanden in der von Marokko besetzten Westsahara statt. Diese Wahl Christopher Nolans zog öffentliche Kritik nach sich, da sahrauische Aktivist*innen dort weitreichenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind.

Mitte Juli startete Christopher Nolans neuer Film «Die Odyssee» mit grossem Erfolg in den Kinos. Für Nolan markiert er den bislang erfolgreichsten Kinostart seiner Karriere. Rund um den Film gibt es jedoch auch Kontroversen: In der britischen Tageszeitung «The Guardian» kritisierte der sahrauische Filmemacher Mohamed Sleiman Labat Nolans Entscheidung, einige Szenen in der von Marokko besetzten Westsahara zu drehen. Nolan nehme damit «aktiv an einer staatlich geförderten PR-Kampagne» teil, die darauf abziele, «eine illegale Besatzung zu legitimieren». Dem marokkanischen Königreich wirft er vor, seine Heimat als Kinokulisse zu instrumentalisieren, wohingegen Sahrauis Angst vor Inhaftierung haben müssten, sobald sie dort eine Kamera in die Hand nehmen.

Ein Blick in den ebenfalls im Juli erschienenen Bericht «50 Jahre unter Besatzung» der «Europäischen Vereinigung von Juristen für Demokratie und Menschenrechte weltweit» (ELDH) legt nahe, dass Labats Kritik nicht unbegründet ist. Mitglieder des sahrauischen Medienkollektivs «Équipe Média», die versuchen, Demonstrationen und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, berichten darin von der Kriminalisierung ihrer Arbeit, der Verhaftung ihrer Kolleg*innen und der Beschlagnahmung ihrer Kameras. Gerade Letzteres führte zur Titelwahl für den bereits 2017 erschienenen Dokumentarfilm «3 Stolen Cameras». Darin stellt Équipe Média ihre Arbeit in dem besetzten Gebiet vor und zeigt seltenes Bildmaterial der dortigen Repression. Zu sehen sind mit Knüppeln prügelnde marokkanische Sicherheitskräfte, die versuchen Protest für eine unabhängige
Westsahara zu unterbinden und dabei insbesondere Frauen ins Visier nehmen.

Widerstand trotz Repression

Die Geschichten sahrauischer Aktivisti*nnen zeichnen die Brutalität der marokkanischen Besatzung unverhohlen nach. Sultana Khaya, die auf einer Demonstration bereits ein Auge verloren hatte, wurde im November 2020 ohne gerichtliches Urteil unter Hausarrest gestellt. In dieser Zeit hinderte sie ein vor ihrer Tür errichteter Polizeiposten am Verlassen des Gebäudes. Immer wieder durchsuchten Polizisten willkürlich Khayas Zuhause. Laut Amnesty International kam es dabei zu sexualisierter Gewalt gegen sie, ihre Schwester und ihre zu diesem Zeitpunkt 80-jährige Mutter. Gegenüber dem Internetportal «Qantara» erklärte sie damals, dass der Hausarrest ihren Aktivismus dennoch nicht breche: «Jeden Tag zwischen 12:30 und 14:00 Uhr veranstalte ich mit meiner Schwester eine «Demonstration» auf dem Dach unseres Hauses. Wir schwenken dort eine Viertelstunde lang die sahrauische Flagge und setzen somit ein Zeichen für die Selbstbestimmung». Die Aktionen filmte und verbreitete sie online. Erst nach 18 Monaten wurde Khayas Hausarrest aufgehoben. 

Aminatou Haidar wurde während ihres Studiums an einer marokkanischen Universität in den 1980er-Jahren von Sicherheitskräften verschleppt und vier Jahre lang an einem geheimen Ort festgehalten. Während ihrer Gefangenschaft wurde sie mit Elektroschocks gefoltert. Nachdem sie aufgrund ihres Aktivismus den Job verlor, beschloss Haidar um die Welt zu reisen, um auf die Besatzung ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Als ihr die Behörden 2009 die Wiedereinreise nach Marokko untersagten, begann sie am Flughafen von Lanzarote einen 32-tägigen Hungerstreik. Letztes Jahr sprach sie im Interview mit der Tageszeitung «jungen Welt» über die Besatzung ihrer Heimat: «Marokko lässt keine Meinungsfreiheit zu. Demonstrationen und die Gründung von Organisationen sind verboten. Wer seine Stimme erhebt, muss mit Folter, Gefängnis und Repression rechnen.» Oft seien zudem die Familien von Aktivist*innen erheblicher Repression ausgesetzt. In Bezug auf die kulturellen Freiheiten erklärte Haidar: «Der marokkanische Staat verbietet sahrauische Namen in Geburtsurkunden. Unsere Feiertage, unsere traditionellen Zelte und unsere Kleidung sind nicht erlaubt. Unsere Sprache Hassania wird gezielt verändert und ihrer Einzigartigkeit beraubt».

Auch der Fall des politischen Gefangenen Naâma Asfari ist ein anschauliches Beispiel für die staatliche Gewalt Marokkos. Während «Die Odyssee» in den Kinos anlief und zum Kassenschlager wurde, befand sich Asfari gerade in einem 47-tägigen Hungerstreik, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Er wurde 2010 verhaftet, nachdem er am Protestcamp Gdeim Izik nahe der besetzten Stadt El Aaiún teilgenommen hatte. Innerhalb weniger Tage wurden dort Tausende Khaimas, das sind traditionelle sahrauische Nomadenzelte, aufgeschlagen, um für soziale Gerechtigkeit und die Unabhängigkeit der Westsahara zu demonstrieren. Nach knapp einem Monat wurde das Camp geräumt. Die Angaben zu den Todesfällen gehen stark auseinander. Während der Tod von elf marokkanischen Sicherheitskräften als bestätigt gilt, ist die Zahl getöteter Sahrauis ungeklärt. Noch heute sitzen 19 sahrauische Männer, unter ihnen Asfari, als angebliche Organisatoren von Gdeim Izik mit Haftstrafen zwischen 20 Jahren und lebenslänglich im Gefängnis. Asfari selbst wurde zu 30 Jahren verurteilt. Laut dem UNO-Ausschuss gegen Folter zeigen die Verfahren ein konsistentes Muster «willkürlicher Festnahmen, Einzelhaft, Folter oder Misshandlungen während Verhören sowie die anschliessende Verwendung unter Zwang erlangter Geständnisse in Gerichtsverfahren».

Die letzte Kolonie Afrikas

Im Anschluss an die «Berliner Konferenz», welche die juristischen Grundlagen der kolonialen Aufteilung Afrikas festlegte, wurde die von Nomad*innen besiedelte Westsahara 1885 Spanien zugesprochen. Während sich die Präsenz der Kolonialmacht hauptsächlich auf die Küste konzentrierte, leisteten die Nomad*innen Widerstand gegen die Versuche ins Landesinnere vorzudringen. Nach der Entdeckung grosser Phosphatvorkommen in den 1950er-Jahren wuchs das spanische Interesse am Gebiet der Nomad*innen. 1973 gründete sich die Frente Polisario, die begann militant für die Unabhängigkeit der Westsahara zu kämpfen. 1975 übertrug Spanien die Kontrolle völkerrechtswidrig an Marokko und Mauretanien. Mauretanien zog sich angesichts der erfolgreichen Guerilla-Strategie der Frente Polisario zurück, während Marokko seit 1991 ein vereinbartes Unabhängigkeitsreferendum verhindert. Der damals ebenfalls vereinbarte Waffenstillstand endete 2020, als marokkanische Soldaten die Blockade eines Grenzübergangs durch junge Sahrauis auflösten. Bis heute hält Marokko rund drei Viertel des Territoriums besetzt. Obwohl die USA im Sicherheitsrat zuletzt erheblichen Einfluss zugunsten Marokkos ausüben, führt die UNO die Westsahara weiterhin als letztes afrikanisches «Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung», dessen Dekolonisierung noch aussteht.