Ewig Sommer

Wie uns Klimaextreme zu mehr Radikalität zwingen.

5 vor 12 war 2019, als die Klimabewegung auf die bevorstehenden Kipppunkte aufmerksam machte. Die Klimabewegung war entschlossen. Sie mobilisierte Massen und forderte nichts weniger als Klimagerechtigkeit. Wie Jean Ziegler es in seinem letzten Buch ausdrückte: «Diese Jungen Demonstranten haben genau verstanden, wie tief der ursächliche Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Herrschaft und der Katastrophe ist, die […] die ganze Menschheit bedroht». Die Bewegung bewirkte auf realpolitischer Ebene, dass für eine Legislatur ein paar mehr Menschen, die sich grüne Hüte angezogen hatten, in die Parlamente gewählt wurden. Um dann nichts zu unternehmen, nichts Echtes zumindest. Denn die Probleme, die aus der globalisierten kapitalistischen Weltwirtschaft resultieren, überstiegen wohl nicht nur das Vorstellungsvermögen, sondern auch die faktische Macht der Einzelnen.

Denn wenige Einzelne haben echte Macht in dieser Maschinerie ohne Gesicht, in der letztlich nur das Kapital entscheidet, wo es durchgehen soll. Seine Protagonist*innen und Statist*innen bleiben austauschbar. Das Kapital ist nicht nur gesichtslos, sondern auch moralfrei und auf kurzfristige Selbstmaximierung ausgelegt. Es muss stetig wachsen. Die Begrenztheit und Ungerechtigkeit des Wachstums anzuerkennen, damit haben bisher wohl alle kapitalistischen Theorien gehadert. Ihre Verfechter*innen sprechen bis heute das Mantra des Fortschritts durch Wachstum, was ja angeblich weltweit zu höherem Wohlstand geführt habe. Dabei vertreten sie die Sickertheorie (engl. «trickle-down effect»), die auf die beiden Gründerväter des ultraliberalen Dogmas zurückgeht – Adam Smith und David Ricardo. Die Sickertheorie besagt, dass der Wohlstand automatisch von den Reichen zu den Ärmeren «nach unten durchsickert», wenn der Staat nicht in die Wirtschaft und die Kapitalströme eingreift. Impliziert wird oft, dass so auch allen globalen Problemen begegnet werden könne.

Dass das kompletter Unsinn ist, und stattdessen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, ohne dass jegliches Problem gelöst würde, zeigt jeder Oxfam-Bericht. Oxfam ist ein internationaler Zusammenschluss von Organisationen, der sich weltweit gegen Armut einsetzt. Dass mehr Kapital nicht zu höherem Bestreben nach Klimagerechtigkeit führt, wird in Oxfam’s Klimabericht aus dem Jahr 2025 deutlich: Während die reichsten 10% der Menschen für 48%, also fast die Hälfe aller CO2 Emissionen verantwortlich sind, emittiert die ärmere Hälfte der Menschheit gerade mal 8% des CO2.

Waldbrände und Klimapanik

2019 war 5 vor 12. Oder auch 5 nach 12 auf vielen Teilen der Erde, wo die Klimakrise bereits damals so spürbar war, dass Menschen fliehen mussten, weil ihre Böden ausgetrocknet oder ihre Häuser geflutet wurden. 5 vor 12 war es vielleicht im privilegierten Mitteleuropa. Jetzt ist es auch hier spür- bar nach 12. Und wir überprivilegierten Menschen, die es gewohnt sind, dass immer wir es sind, die gerettet werden, vom Staat oder vom Wohlstand, wundern uns, während wir schwitzend in abgedunkelten Räumen sitzen und verzweifelt darauf warten, dass die Nacht etwas Milderung bringt. Währenddessen geben draussen weniger privilegierte Menschen nicht nur ihre Lungen, sondern auch den Rest ihrer Körper an den Bau neuer Strassen und gentrifizierter Häuser.

«Ewig Sommer» ist der Titel eines Romans, den ich letztes Jahr gelesen habe. In der Geschichte brennen die Wälder und alles verkommt im Rauch. In Südeuropa brennen die Wälder wirklich, und auch auf dem Gurten sind die Bäume braun, als ob es schon Herbst wäre. Doch es ist eine andere Bräune, eine tote Bräune, keine goldene. Die Gletscher fliessen die Flüsse runter, und plötzlich ist Wasser eine endliche Ressource.

Klimapanik – ein merkwürdiges Wort, das ich mit rechtem Sprech assoziiere – macht sich in mir breit. Ich meine damit die Panik davor, dass wir nun unausweichlich damit dealen müssen, mit alledem und alledem, was noch kommt. Panik verwandelt sich in Wut und die Wut in Kampfgeist, denn wir müssen jetzt endlich lernen, wirklich solidarisch zu sein. Wirklich zu kämpfen für alles, was es noch zu retten gibt. Wir müssen lernen, wirklich zu teilen, uns auch Raum zu teilen, und die Grenzen niederzureissen. Denn immer mehr Menschen werden in die Flucht getrieben, auch an den Orten, die bislang von Kriegen verschont blieben.

KI-Giganten und Tesla-Idioten

Währenddessen findet, wie gesagt, das Kapital Wege, sich zu vermehren, und die Politiker*innen Wege, so zu tun, also ob sie wirklich etwas gegen die Klimakrise ausrichten möchten oder könnten. Das Kapital setzt auf KI und den Bau milliardenschwerer Rechenzentren, die in Seen und Meere gebaut werden, wo sie die gleissende Sonne dabei unterstützen, die Gewässer und den Planeten möglichst schnell aufzuheizen. Die Politiker*innen setzen währenddessen auf grünen Individualkonsum und Elektroautos. Den Staat gestalten sie so, dass jegliche Proteste gegen ebengenannte KI-Rechenzentren und gegen menschenfeindliche Grenzregimes im Keim erstickt werden.

Der Sommer währt nur scheinbar ewig. Vermutlich ist er jetzt schon wieder vorbei. Doch wir sollten ihn nicht vergessen, diesen Sommer. Widerstand bleibt auch dann wichtig, wenn wir dessen Notwendigkeit nicht am eigenen Leibe spüren. Andere spüren sie. Immer. Um nochmal die Politlegende Jean Ziegler zu zitieren: «Wir müssen uns erheben, uns organisieren, damit Menschen […] frei werden, überall dort, wo wir uns für ihre Befreiung einsetzen können». 

Fussnoten