Dancen, Drogen, Demonstrieren

Darf ich an die Demo, weil ich mich vor allem auf die Musik freue oder macht mich das zur Egoistin? Wie Hedonismus und Aktivismus zusammenhängen.

Hedonismus heisst, sich etwas rauszunehmen, die eigenen Bedürfnisse über die anderer zu stellen, zu tun, worauf man halt Lust hat. Hedonismus bedeutet «Konsum Konsum z Füdle vou Schum». Hedonismus ist, zu was wir erzogen wurden. Hedonismus ist zu viel Party machen und innerlich schon aufgegeben haben.

So sahen es zunächst die Vertreter der kritischen Theorie, Horkheimer und Adorno. Konsum, so die beiden Philosophen und Soziologen, löse zwar das Gefühl aus, nach der individuellen Lust zu handeln, sei aber eigentlich durch die Kulturindustrie gesteuert und standardisiert. Hedonismus bedeutete für die beiden Denker letztlich also Konsum. Und Konsum wiederum den Sieg des Kapitalismus über die Arbeiter*innen. Dem Lustprinzip nachzugeben war für Horkheimer und Adorno ein Zugeständnis an eine kapitalistische Welt, in der alles vorgegeben war. Hedonismus bedeutete das Ende des Widerstands.

Zehn Jahre später tauchten in Schweizer, deutschen, französischen oder englischen Städten vor allem junge Männer, aber vereinzelt auch Frauen auf, die sich mit Jeans und Nieten einkleideten und sich ganz an amerikanischen Vorbildern wie James Dean oder Elvis Presley orientierten. Die als Halbstarke bezeichneten Jugendlichen versammelten sich als Gruppen in Zürich oder Bern, fuhren mit Mofas durch die Gegend und «gammelten» herum. Taten also nichts, und das in der Öffentlichkeit.

Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll

Die Halbstarken waren eine lose Jugendbewegung aus der Arbeiter*innenklasse, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals über verschiedene Konsumgüter verfügte, sich Mode und Medien leisten konnte. Als Bewegung identifizierte sie sich über Codes wie Kleidung und Rumhängen (und jung sein und Mann sein) und war in der spiessigen Schweiz der 1950er und 1960er nicht gern gesehen. Die Halbstarken wurden aus den Schweizer Städten auch wiederholt vertrieben. Im Zürcher Knabenschiessen von 1963 wurde gar eine Kleiderregel eingeführt, um den Halbstarken und ihrer amerikanischen Mode Einhalt zu gebieten.

Im Gegensatz zu den studentischen 68er Jugendlichen waren die Halbstarken vorwiegend Lehrlinge, jung und wild und nicht unbedingt politisch eingestellt. Sie funktionierten gewissermassen nach einem Lustprinzip: Sie wollten sich amerikanisch kleiden, gefährliche und schnelle Fahrzeuge fahren, ins Kino gehen. Und sie hörten, wer hätte es gedacht, gerne Rock ‘n’ Roll. Sie wollten Freizeit, Freiraum und wohl auch etwas Provokation. Also beteiligten sich die Halbstarken auch am Globuskrawall, der 1968 die Stadt Zürich erschütterte. Gemeinsam mit diesen anderen Jugendlichen, die von den Universitäten kamen und dem Bildungsbürgertum abstammten, lieferten sich die Halbstarken eine schwere Auseinandersetzung mit der Zürcher Polizei. Anlass war die Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum. Mehr Freiraum für die Jugend also.

Lust statt Ordnung

Es ist verkürzt, die Halbstarken als unpolitische Jugendbande abzutun. Und insbesondere ihren Hedonismus. Dass sie sich lustvoll kleideten, und damit einer Kleidervorschrift widerstrebten, dass sie in einer Öffentlichkeit, die für sie nicht vorgesehen war, als Gruppe Raum einnahmen, dass sie sich schliesslich einem Protest anschlossen, weil er sich für Dinge einsetzte, auf die auch die Halbstarken Lust hatten, zeigt, dass Hedonismus politisches Potential haben kann. In ihrem Auftreten und ihren Aktionen widersetzten sich die Halbstarken nämlich einer ordentlichen, spiessbürgerlichen Schweiz. Und gingen zeitweise eine politische Allianz mit anderen Jugendbewegungen ein. Aber genau für ihr Interesse an der amerikanischen Kultur und ihre «unpolitische» Basis, letztlich ihren Hedonismus, wurden sie von ihren studierenden, linkspolitischen Zeitgenoss*innen kritisiert.

Zugleich bedeutete wohl auch für die 68er Ausbruch, was wir heute negativ oder zumindest als unpolitisch im Hedonismus verorten: Psychedelische Drogen, Sex, Freiraum im Exzess. Die 68er waren aber auch geprägt von Bewegungen, die sich Drogen strikt verboten. Weil sie vom eigentlichen politischen Anliegen ablenken würden. Dieser Haltung begegne ich auch heute. Wenn ich den Begriff Hedonismus höre, so ist er ausschliesslich negativ besetzt. Er wird mit einem Lustprinzip in Verbindung gebracht, das politischem Aktivismus und dem Wunsch nach Systemwandel gegenübersteht. So als gäbe es nur das eine oder das andere. Im (zugegeben bereits vor einigen Jahren erschienenen) Song «Glasmönsch» des Berner Rapduos Glanton Gang reimt sich Egoismus auf Hedonismus. Auch die Berner Rapcrew Chaostruppe verbindet Kritik am Hedonismus gerne mit Szene- oder Kapitalismuskritik: «Si rede vo Nächsteliebi uf Molly, solang se d Ekstase treit. U göh nur a Demos wos e fucking Technowagä het.», lautet die Kritik in ihrem bekannten Lied «Chum mir gö use!».

Lust am Aktivismus

Da eröffnet sich also bereits die gesamte Bandbreite, die der Begriff Hedonismus bereithält. Lust als Gegenentwurf zur Leistungsgesellschaft, Lust als gemeinschaftsstiftendes Element, als Aufbegehren gegenüber einer gesellschaftlichen Ordnung, als Unruhestifterin also. Aber eben auch als Ablenkung vor den eigentlichen Problemen oder gar als deren Verursacherin. Als Resultat einer kapitalistischen Logik. Wenn der Technowagen an der Demo als falsche Motivation angeprangert wird, dann wird Hedonismus ganz grundsätzlich in Frage gestellt. Politischer Aktivismus sollte ausserhalb der eigenen Lust stattfinden, so die Logik. Ganz anders sieht dies eine Vereinigung, die sich als Hedonistische Internationale bezeichnet. Die Bewegung war vor allem während der 2010er Jahre in verschiedenen Ländern aktiv, heute findet sich nicht mehr viel dazu. Ihr Anliegen: Lust und Politik zusammenbringen. Protest ist für die Hedonistische Internationale eine Form der Lust, die nicht als Ablenkung oder falsche Motivation, sondern als Anreiz für Aktivismus verstanden wird. Ich laufe an der Demo eben gerade gerne nah am Musikwagen (und bleibe deshalb manchmal vielleicht auch noch ein bisschen länger).

In einem Podcast beschreiben zwei Mitglieder die Bewegung als eine Idee ohne fixierte Basis. Die Hedonistische Internationale beruft sich lediglich auf ein gemeinsames Manifest, das unter anderem dazu aufruft, Spass an der politischen Sache zu haben, nicht dogmatisch zu sein, Veränderung anzustreben, aber sich selbst auch nicht allzu ernst zu nehmen. In den Aktionen der Hedonistischen Internationalen schwingt deshalb wohl auch viel Ironie mit. Mit der Kampagne «Mehr Krieg für alle» von 2003, in der die Bewegung zu Aufrüstung und Kriegstreiberei aufrief, führte sie im Zuge des Golfkriegs etwa den Militarismus vor. Auch die Selbstbezeichnung «Hedonistische Internationale» sollte deshalb mit einer gewissen Ironie verstanden werden.

Damit hebt die Bewegung auch die Gegenüberstellung von Lust und Politisch-Sein auf. Sie denkt diese zusammen. Ihren Fokus legt sie weniger auf die konkrete politische Zielsetzung als auf die verschiedenen Formen des Widerstands und feiert eine Protestkultur, die sich mit Spass verbinden lässt. Das erinnert an politische Aktionskunst. Denn wo Lust auf Aktivismus trifft, ist nicht nur der Technowagen gleich um die Ecke, sondern oft auch viel Kreativität.

Bekannt für ihre politische Aktionskunst ist das Zentrum für politische Schönheit. Die Gruppierung assoziiert sich zwar nicht mit Hedonismus oder der Lust am Aktivismus. Ihre Aktionen leben aber von viel Kreativität und Ironie. Und wie die Hedonistische Internationale von den Ideen in den Köpfen spricht, beruft sich das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) auf die Phantasie als Grundlage für einen radikalen Kampf. Die Gruppierung kaufte 2017 das Nachbarshaus des rechtsextremen Politikers Björn Höcke und baute dort das Holocaustmahnmal nach, um Höcke «ein ganz persönliches Mahnmal» vor den Garten zu pflanzen. 2021 gründete das ZPS einen nicht existierenden Flyervertrieb und holte sich die Flyeraufträge der AFD ein
– Flyer, die schliesslich nie gedruckt oder verteilt wurden.

Spass heisst Widerstand

Widerstand und Sich-Lustig-Machen vereinigen sich auch im Clowning. Clowning stellt eine Form des Widerstandes dar, die darauf beruht, mächtige Positionen (in aller Regel die Polizei) ins Lächerliche zu ziehen. Es sind verkleidete Figuren, die an Demos herumalbern, die aber auch dafür sorgen, dass der Polizei nicht sofort Folge geleistet und allenfalls länger in einer brenzligen Situation ausgeharrt wird. Das betonen auch die beiden Mitgliedernder Hedonistischen Internationale: Wo Spass mit im Spiel sei, würde man sich auch weniger Gedanken über mögliche Konsequenzen machen. Mehr Risiko eingehen und allenfalls auch mehr erreichen. So gesehen wird Hedonismus zu einem politischen Prinzip, einem Motor, der zum Aktivistisch-Sein einlädt.

Es ist nicht die Idee dieses Textes, dass wir alle unserem Hedonismus frönen sollen. Er soll nicht dazu aufrufen, dass wir uns nun als Erstes daran machen, die nächste geile Party zu organisieren. Und auch nicht, dass wir ausschliesslich aus Lust handeln sollen. Vielleicht geht es mehr darum, dass Hedonismus durchaus politischer gedacht werden kann. Spass und Freude an der Sache und am eigenen Aktivismus zu haben, darf eine Motivation sein. Auch wenn das offensichtlich nicht immer möglich ist und Aktivismus oft mit viel Schwermut, anstrengender Arbeit und Gegenwind einhergeht. Aber gerade deswegen darf Lust auch seinen Platz im Aktivismus finden.

Und manchmal bedeutet Spass haben auch, sich zu widersetzen.