Liebe Tove

  • Text & Bild von aja

Vor nicht langer Zeit bin ich zum ersten Mal in eine deiner bekanntesten Welten eingetaucht. Schon nach den ersten gelesenen Seiten fühlte ich, dass ich darin einen Schatz gefunden hab. Es war ganz aufregend, einerseits wollte ich die Geschichte schnell verschlingen, andererseits jedes Wort und jede Zeichnung in Ruhe geniessen. Du hast mich mit einem märchenhaften Ort bekannt gemacht und dafür bin ich dir sehr dankbar.

Winter im Mumintal» (orig. Trollvinter) ist der sechste von insgesamt neun Bänden deiner Bücherreihe über die Muminfamilie. Es geschieht darin etwas, das noch nie geschehen war seit sich der erste Mumintroll zum Winterschlaf zusammengerollt hatte. Mumin wacht auf und kann nicht wieder einschlafen. 

Du führst uns in die Geschichte ein und lässt Mumin einen Winter lang in einer ihm fremden Welt und doch so vertrauten Umgebung seine Erfahrungen machen. Der Schnee, die Kälte, die Einsamkeit, auf sich allein gestellt sein, sowie der Tod, die
eisig graue Morra und die vielen Unbekannten, all das erlebt Mumin zum ersten Mal. Und doch ist da unglaublich viel Wärme und Sanftheit zwischen den Zeilen. 

Während die ersten fünf Bücher als Kindergeschichten geframed werden, ist der «Trollvinter» die erste Mumingeschichte, die sich eher an Erwachsene richtet. Du behandelst darin ernstere Themen und es dreht sich öfter ums Innenleben der Figuren. Einen Moment der Geschichte möchte ich hier gern erwähnen, weil ich ihn so schön finde. 

«Als sich die Sonne im hohen Norden zum ersten Mal wieder zeigt, ist Mumin ausser sich vor Freude, schmückt seinen Kopf mit goldenen Bändern, wirbelt herum und macht Kopfstände. Einen Augenblick später wird’s wieder Dunkel. «Hat sie es bereut?!» ruft er voller Entsetzen. Als ihm klar wird, dass er sich aufgeführt hat wie an Geburtstag und Weihnachten zusammen, nur wegen paar kurzen Sonnenstrahlen, ist er zuerst enttäuscht und dann schämt er sich, bis plötzlich Zorn in ihm aufsteigt. Schliesslich fühlt er, dass er etwas ganz Fürchterliches und Verbotenes tun muss, um wieder ruhig zu werden. Und zwar sofort…» 

Wie du in dieser Szene die Gedankengänge und aufkommenden Emotionen beschreibst, ist für mich so nachvollziehbar und nah am Leben. Sowieso merke ich, dass du eine sehr genaue Beobachterin der Beziehungen und Emotionen um dich herum bist und wie ich schon weiss, ist deine grösste Inspiration dein Umfeld. Manche Charaktere sind sogar direkt inspiriert von Personen in deinem Leben und tragen zum Teil auch ähnliche Namen. Wie zum Beispiel Tuulikki Pietilä, die finnische Grafikerin, die du im Jahr 1955 in Helsinki bei einer deiner Einzelausstellungen kennengelernt hast. Die Figur Too-Ticki ist stark an Tuulikki angelehnt. Too-Ticki hat im sechsten Band ihren ersten Auftritt im Muminversum. Sie weiss viel und kennt ei-
nige Geheimnisse. 

Du, Tove Jansson, warst damals einundvierzig und verliebtest dich zum zweiten Mal in eine Frau. Tuulikki und du bleiben bis zum Ende deines Lebens zusammen. Am 27. Juni 2001 stirbst du. Doch dein Leben und deine Kunst prägen bis heute .So dass ich jetzt hier in meinem Zimmer sitze und dir diese fiktive Fanpost schreibe.

1914 bist du in Helsinki geboren und als schwedisch sprechende Minderheit in Finnland aufgewachsen. Die Schule fandest du langweilig und zermürbend. Mit 16 besuchtest du dann ein Kunststudium im Bereich Illustration und Werbung in Stockholm, was dir um einiges mehr entsprach. Daneben hast du dich in der Malerei weitergebildet. Du sahst dich immer mehr als Kunstmalerin, ganz im Gegensatz zur Öffentlichkeit, die dich vor allem für deine Mumin-Comics und Bücher kannte und feierte. Erstaunlich, dass zu Beginn gar nicht vorgesehen war, dass diese Geschöpfe jemals das Licht der Welt erblicken werden. Zu schreiben begonnen hast du damals, als der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist. Diese Zeit war für dich die schwerste deines Lebens und das Erfinden dieser Phantasiewelt ermöglichte dir der Trostlosigkeit des Kriegsalltags zu entfliehen. 

Nebenbei hast du dich schon früh in Zeitungen und Magazinen mit Karikaturen und Texten politisch geäussert. Deine Haltung war immer klar Antifaschistisch.

Als du dann 1946 mit zweiunddreissig deine Queerness und die Liebe zu Frauen entdecktest, ging für dich eine neue Welt auf. Trotz des gesetzlichen Verbots der Homosexualität in Finnland hast du dich beeindruckend frei ausgelebt. Aus deinen Texten lese ich, dass du darin unglaublich viel Freude und Kreativität gefunden hast. I would say this is queerjoy, hehe :) Es gibt mir Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, wie das Raum und Zeit auflösen kann.

Liebe Tove, danke, dass du so viel erschaffen hast, was bis heute weiterlebt. 

Danke, dass du dich so stabil für deine Werte eingesetzt und gekämpft hast. Für mich bist du ein Vorbild, an das ich mich immer mal wieder schmunzelnd erinnere. Nächsten Herbst werde ich den «Herbst im Mumintal» lesen, und Stück für Stück all die andern Bände. Ich freu mich!

Liebe Grüsse

Anja