Gisi bleibt! Zwischen Widerstand und Warten

Seit ihrer Besetzung im Jahr 1997 war und ist die «Gisi» ein Ort des alternativen und widerständigen Lebens, ein Ort der linken politischen Kultur. Doch das alte Haus ist (immer noch) akut räumungsbedroht.

Inmitten einer Häuserzeile am Rande der Winterthurer Altstadt fällt die General Guisanstrasse 31 sofort ins Auge: Die Türen und Fenster an der Frontseite sind verbarrikadiert. Der Zugang zur Gisi erfolgt über den Innenhof. Hier erstreckt sich ein riesiges Transparent entlang der Fassade: «Freiraum verteidigen», das «A» ist umkreist. 

Tina* wartet bereits auf mich. Sie führt mich in die Innenräume der ältesten Besetzung Winterthurs. Das Treppenhaus ist bekannt, im Keller der Gisi finden regelmässig Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt. An den Wänden befinden sich diverse politische Sticker, Zeitungsartikel und Kunstwerke. Tina führt mich in den oberen Teil der Gisi, in einen der Wohnräume. Neben den schwarzen Sofas lodert ein Feuer im Schwedenofen. Viola* sitzt auf dem Sofa. Ich will mit ihr und Tina über die Geschichte und Aktualität der Gisi sprechen, über die Motivation der Besetzer*innen und solidarischen Unterstützer*innen. Mich interessiert, was Tina und Viola bewegt und wie sie damit umgehen, dass die Bedrohung einer möglichen Räumung allgegenwärtig ist.

Das Stefanini-Imperium

Angefangen hat alles mit Bruno Stefanini. Dieser kaufte während der industriellen Blütezeit Mitte des 20. Jahrhunderts jede Menge Häuser. Bruno Stefanini lebt heute nicht mehr, doch seiner «Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte» (SKKG) gehören allein in Winterthur noch heute rund 1300 Wohnungen. In der gesamten Schweiz sind es über 2200.

Bis in die 1990er Jahre galt die Stadt Winterthur als Zentrum der Schwerindustrie. Stefanini’s Liegenschaften bewohnten anfangs viele (Gast-)arbeiter*innen, die in den Fabriken Winterthurs Arbeit fanden. Doch anstatt die Immobilien instand zu halten, investierte Stefanini in (teils mehr als fragwürdige) Kunst, eine Waffensammlung und Gegenstände mit NS-Bezug. Ein guter Teil der Häuser in der Winterthurer Altstadt verlotterte zunehmend. Die Immobilien verschimmelten, der Putz kam von den Wänden, Dachziegel fielen runter. Währenddessen bezahlten die Bewohner*innen aus der Unterschicht weiter fleissig ihre Mieten. Stefaninis Geschäftsmodell sei es gewesen, «den Armen die Kohle aus den Taschen zu ziehen», so Tina.

Die armutsbetroffenen Menschen waren auf Stefaninis günstige Wohnungen angewiesen. Ab den 1970er Jahren verloren im Zuge der Deindustrialisierung hunderte Menschen ihre Stellen. In den folgenden Jahrzehnten wanderten viele Arbeiter*innen ab, wodurch zunehmend leerstehender und schlecht bewirtschafteter Wohnraum entstand. Gleichzeitig blieben die Mieten in intakteren Häusern kaum bezahlbar.

Ab den 1990er Jahren wuchs die Bewegung der Besetzer*innen und nahm sich unter anderem zahlreiche Stefanini-Häuser, darunter 1997 die Gisi. Mit der Vision eines selbstverwalteten Lebens, unabhängig von staatlicher Autorität und gängelnden Mietverträgen, richteten sie sich im Stadthaus ein. Eigentümer Stefanini duldete sie und liess sich auf chaotische Verhandlungen ein, die letztlich dazu führten, dass die Besetzer*innen bleiben konnten.

Vernetzung

In der Gisi bildete sich ein Wohn- und ein Kulturkollektiv, die es beide bis heute gibt. Diese kümmerten sich fortan selbst um die verlotternde Infrastruktur, bauten und reparierten wo nötig. Dabei erhielten sie Unterstützung vieler solidarischer Menschen aus dem Besetzungs- und Wagenplatzumfeld.

Viola bringt es auf den Punkt: «Die Gisi geniesst auch deshalb einen grossen Rückhalt in Winterthur, weil so viele Menschen im Verlauf der Jahrzehnte hier ein- und ausgegangen sind». Sei es, weil sie selbst, oder Menschen, die sie kennen dort gewohnt haben, weil sie dort Konzerte und andere Veranstaltungen organisiert oder besucht haben. Nicht zuletzt verbinden Menschen auch autonome Visionen mit der Gisi – unter ihnen die Bewohner*innen anderer Besetzungen.

Doch auch existenzielle Faktoren sind nicht zu vernachlässigen: Durch neue Firmen und gutverdienende Zugezogene schritt die Gentrifizierung in Winterthur stetig voran. Leere Wohnungen waren (und sind) immer seltener zu finden – schon
gar nicht erschwingliche. Viele der Besetzer*innen leben also nicht aus einem reinen Wunsch nach Selbstverwaltung, sondern auch aus Notwendigkeit in Besetzungen wie der Gisi, erzählt mir Tina. 

2014 verschlechterte sich Bruno Stefaninis Gesundheit, er litt an Demenz. Es brach ein Machtkampf zwischen dem Stiftungsrat der SKKG (und anderen) und den Erb*innen von Bruno Stefanini aus. Eine Bedrohung für die Gisi. Den Besetzer*innen war klar, dass in den Häusern Millionen schlummerten und nach seinem Tod Totalsanierungen und teure Neuvermietungen drohten. Dass Stiftungsrat oder Erb*innen der SKKG den bisherigen Vernachlässigungskurs fortsetzen oder die Häuser gar den Besetzer*innen überlassen würden, schien unwahrscheinlich. Gemeinsam mit Mieter*innen anderer Stefanini-Häuser wurde die Interessensgemeinschaft der Bewohner*innen und Benutzer*innen von Stefanini-Liegenschaften (IGBBSL) gegründet. Ziel war es, die Häuser auch mittels öffentlichem Druck zu verteidigen. 2016 wurde eine grosse Kampagne lanciert. Diese machte mit Demos und Aktionen wie dem «Offenen Wohnzimmer» in der Innenstadt aufmerksam, bei dem die Menschen sich mitten in der Fussgänger*innenzone wohnlich einrichteten. Die Kampagne zeigte Wirkung: Trotz «Begehungen» der Gisi 2017 und 2018 durch die SKKG wurden bestehende Baupläne wieder auf Eis gelegt.

Im Jahr 2020 erreichten die ersten Räumungsbefunde die Besetzungen. Diese betrafen zwar vorerst zwei andere besetzte Stefanini-Häuser, doch allen war klar, dass auch die Gisi bald dran sein könnte. Daraufhin schloss sich die «Häuser-Vernetzung Winterthur» zusammen – ein Mix aus Bewohner*innen besetzter und selbstverwalteter Häuser, Wagenplätzen sowie antikapitalistischen
Gruppen und Einzelpersonen. Wieder wurde mobilisiert, es gab Verhandlungsgespräche mit der SKKG. Echtes Verhandeln sei aber unmöglich gewesen, da sind sich Viola und Tina einig. Für die Stiftung schien festgestanden zu haben: Diese Menschen sind eine Last, und sie müssen weg. 

Im Sommer kam dann der definitive Räumungsbescheid – die Gisi und zwei andere Häuser der Häuser-Vernetzung (das «Sani» und das «Rattenloch») sollten 2025 geräumt werden. Im Frühjahr 2025 wurde der Termin auf Februar 2026 verschoben. Einmal mehr formierte sich Widerstand - hunderte Menschen gingen im Dezember unter dem Motto «Gisi bleibt! Kein Profit mit Wohnraum!» auf die Strasse und protestierten für den Erhalt der Gisi, gegen Kapitalinteressen mit Liegenschaften und für bezahlbaren Wohnraum. Zuletzt wurden Unterschriften für eine Petition für die Gisi gesammelt. Die Petition wurde eingereicht, die Antwort war ernüchternd. Die SKKG wäre bereit, auf gewisse Forderungen betreffend anderer Liegenschaften
einzugehen, wenn ihnen im Gegenzug die Gisi überlassen würde. Darauf werden die Besetzer*innen natürlich nicht eintreten. Vorerst ist die Räumung trotzdem blockiert, wegen eines hängigen Mietrechtsverfahrens und fehlenden Baubewilligungen. Deshalb gilt es derzeit, abzuwarten.

Widerstandskultur

«Wie steht es um eure Hoffnung?», frage ich nach fast zwei Stunden Gespräch. Hoffnung bliebe immer, antwortet Tina nachdenklich. Es müsse weitergehen, auch mangels Alternativen. Viola betont, dass sie als Bewohnerin der Gisi gelernt habe, mit der Angst vor der Räumung und der ungewissen Zukunft zu leben. Doch aufgeben sei keine Option.

Die Hoffnung, dass der Widerstand erfolgreich sein könnte, speist sich aus der Erfahrung. Tina erzählt, wie die Gisi bereits mehrere Male erfolgreich gegen Bedrohungen von aussen verteidigt werden konnte. Letztendlich gehe es darum, die Ideen von selbstverwaltetem Leben aufrechtzuerhalten, und weiterzugeben. Viola endet mit den Worten: «Linke widerständige Kultur muss geübt und gelebt werden».

Auf dem Rückweg an den Bahnhof schlendere ich durch die Winterthurer Altstadt, vorbei an zahlreichen totalsanierten Stefanini-Häusern.


*Namen von der Redaktion geändert

Fussnoten