Endlich bin ich Zuhause – weit weg von Zuhause. Im Badeanzug stehe ich an der atlantischen Küste – auf der anderen Seite – schaue zum Horizont, der alle paar Sekunden hinter den hohen Wellen verschwindet. Die Wellen sind Raubtiere. Die Welle streckt sich, macht sich gross. Ihre weissen Zähne blitzen, schäumender Mund, reisst ihn auf, greift nach vorne und umschliesst ihre Beute. Schluckt sie und zieht auch noch von unten ihr Opfer in ihren hohlen Bauch. Ein Verdauungstrakt aus Strömung. Wenn sie gefressen hat, zieht sie sich zurück, doch nur für einen kurzen Moment, dann beisst sie schon wieder hungrig in den Sand. Sand, Sand, Sand. Zwischen meinen Zehen, zwischen meinen Pobacken, in meiner Zigarettenpackung und in meinen schläfrigen Strandferienaugen ist Sand. Ich schreibe einen Hassbrief am Pool. Den Punkt am Schluss des letzten Satzes drücke ich so endgültig mit dem Kugelschreiber in die rechte unter Ecke des Papiers, er ist noch viele Seiten sichtbar, wie Sandkörner in meinem Tagebuch. Endgültig verwirrt, endgültig enttäuscht. «Bitte lass mich in Ruhe», schreibe ich da, obwohl ich mir doch das Gegenteil wünsche. «Bitte lass mich in Ruhe», schreibe ich und hoffe, dass du meine Hassworte spürst, ohne sie je gelesen zu haben und dich bei mir meldest und mir sagst, dass du mich willst. «Fuck off» schreibe ich da an dich und meine eigentlich mich selbst. «Fuck off» schreibe ich und meine doch «Fuck me». Fuck off, fuck off.
So gerne wäre ich cool genug für casual dating, one night stands, friends with benefits. Leider aber bin ich chalant-lovemaxxing-lovergirl*.
Ich brauche noch paar boyfriends, will sie sammeln wie collectables. Sie können bei mir wohnen, in meinem Setzkasten hat‘s noch ein bisschen Platz. Einen für jeden Tag der Woche, ausser Samstag, weil saturdays are for the girls. Montag nehme ich den ersten raus, füttere ihm einen Zuckerwürfel, Wasser gibt‘s im Flaschendeckel. Auf meiner Schulter sitzt er, so gehen wir ins Kino. Dienstag im Park spazieren, Mittwoch Händchen halten am Konzert. Einer ist wild, macht shady business, ist nächtlich unterwegs, hart mit weichem Kern und so. Wir brechen im Schwimmbad ein, ficken im schwarzen Wasser. Ein anderer ist ein Clown, macht schlechte Jokes, aber bringt mich immer zum Lachen mit seiner ansteckenden Art. Er hat hässlich gestochene Tattoos und süsse Grübchen. Wir brechen auch im Schwimmbad ein, aber ficken im Gras. Einer ist Ritter, stellt sein Pferd vor meinem Block hin, wirft Steinchen an mein Fenster, klettert an meinen Haaren hoch in mein Schlafzimmer. Er bringt Blumen und Rosé, ich streichle seinen grauen Bart.
In meinen Fantasien bin ich in Kontrolle. Beziehungen mit Männern sind bloss Spielchen für mich und ich sitze oben, gewinne jedes Mal. In Wahrheit sieht das ganz anders aus: So oft bin ich verliebter, verfügbarer, verletzter, als mein Gegenüber. Lieben fällt mir so leicht. Ich liebe so stark, so hoffnungsvoll, so hoffnungslos. Abgründig. Träume, Schnulzen und Schweinereien. Wache auf und meine kurz, dass es uns wirklich gibt. Ich muss an ein altes Gedicht von mir denken:
«Hier, ein Stück Boden für unter deine Füsse, als Geschenk dafür, dass es dich gibt. Weck mich, wenn du nicht schlafen kannst. Ich lausche deiner Stimme und du meiner. Die Welt fühlt sich morgens nicht echt an. Lass mich noch ein wenig von dir träumen. Deine Liebe ist am stärksten, wenn ich sie mir einbilde.»
Die Sandkörner sitzen tief in meinen geschwollenen Augen, zu müde, um meine Traurigkeit zu überspielen. Ich sitze im Bus, fahre paar Stunden durch tropische Buschwälder und an dörren, mit Pferden bestückten Feldern vorbei. Mein Sitzplatz ist oben ganz vorne im Doppeldecker. Wir fahren aus der schwülen Grossstadt ins weiter nördlich gelegene Strandstätdchen. Wir wollen Schildkröten sehen. «Reconnect with nature». Schaue den rosaorangenen Himmel hinter den Palmenhügeln an und höre die Lieder, die mich vor zehn Jahren durch meine Depressionen begleitet haben. Greg Gonzales singt: «...dreaming, dreaming, dreaming, dreaming of you...». Fühle mich melancholisch. Fühle mich abenteuerlich. Fühle mich ganz gut eigentlich.
Zurück in der Stadt. Das Wetter hat zugemacht. Wir schlafen öfters lange, unser Frühstück sieht weniger elaboriert aus als vor zwei Wochen. Wir haben uns daran gewöhnt hier zu sein. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hier zu leben. Ich hätte einen Remote-Job in der Schweiz, irgendetwas kreatives mit Schreiben, und würde hier auch arbeiten; Events, Tourismus, Schule, Kunst, keine Ahnung. Ich würde in der Menge verschwinden, würde mich unauffällig bewegen und mich vielleicht sogar getrauen, Motorradtaxi zu fahren. Die Vorstellung macht mir Spass, ich überlege mir, in welchem Quartier ich wohnen wollte. An einem grauen Vormittag döse ich am Strand ein und falle in einen Traum, der mir eine mögliche Zukunft zeigt: Nach einem Meeting im Zentrum, fahre ich mit dem Motorrad nach Hause. Mein neues Appartement, ich wohne jetzt im zehnten Stock. Auf dem Balkon schreibe ich noch eine knappe Stunde an meinem neusten Roman, bevor ich den Laptop zuklappe: Ein weiterer erfolgreicher Tag geht zu Ende. Ich seufze laut, entspanne mich und schaue die Aussicht an. Schaue zu, wie die Hügel im Nachthimmel versinken und wie in den Hochhäusern nach und nach die Lichter angehen. Auch ich stehe auf, um drinnen das Licht anzumachen. Im Wohnzimmer sind noch übrige Zügelkartons, meine Bilder stehen am Boden, an die Wand gelehnt. Ich muss einen der Kartons zur Seite schieben, um an den Lichtschalter zu kommen. Der Karton ist geöffnet, halb ausgepackt. Es liegen noch die alten Tagebücher drin, die ich beim Ausmisten der alten Wohnung gefunden habe. Ich sitze auf den Boden und blättere eines durch. Darin finde ich Liebesbriefe, die ich nie abgeschickt habe, voller Schmerz und Sehnsucht. Ich weiss nicht mehr, um wen es ging, wer gemeint war. Diese Verletzungen habe ich vollständig vergessen. Ich wundere mich, wen und was ich sonst noch vergessen habe, staune über all die Geschichten, die ich schon erlebt habe, frage mich, was mich alles noch erwartet. Ich klappe das Tagebuch wieder zu und stehe auf. Ich verräume noch zwei drei Sachen, bevor ich mich mit einem Notizbuch, in dem noch viele Seiten leer sind, ins Bett lege, und beginne einen neuen Eintrag.
