Angenehme Raumgefühle und schöne Aussichten – eine Anekdote

In der Kolumne «Wohnungsnot» beschreibe ich die Situation der Obdachlosen und Menschen ohne festen Wohnsitz aus der Sicht eines «Betroffenen». Es sind Texte die ihre Wurzeln in der Realität haben; Erlebnisse, Anekdoten, Erinnerungen, Träumereien und Märchen.

1. Juni 2021, 9:00 Uhr MESZ

Es war ein unverregneter Frühsommertag im zweiten Jahr der Pandemie. An der Alpenstrasse in Gümligen wurden Liegenschaften der Pensionskasse der HACO Gümligen geräumt, Leerkündigung; die Liegenschaften waren sogenannte «Abbruchobjekte» die noch in den späten Nullerjahren saniert worden waren. Fenster, Fassaden, die Küchen, die Gebäudetechnik, die Bausubstanz, das alles war relativ neuwertig und in gutem Zustand. Zweifellos wären diese Wohnungen noch jahrelang bewohnbar gewesen. Doch eine Neuüberbauung war geplant. Die Mietverträge waren befristet bis Juni 2021. Es lebten in diesen «Abbruchobjekten» hauptsächlich armutsbetroffene Menschen, die Mühe hatten Wohnraum zu finden. Oft wurden die Mieten durch das Sozialamt bezahlt.

Insofern, dass die einzelnen Sozialhilfebezüger*innen eine CH-Staatsbürger*innenschaft innehaben und nicht in einer WG leben, haben sie als Grundbedarf für ihren Lebensunterhalt 1006.– CHF zur Verfügung. Unter denselben Bedingungen zahlt das Sozialamt bis 1050.– CHF Mietzinse. 

Zugespitzt formuliert hat die Liegenschaftsverwaltung während der Vermietungsphase der «Abbruchobjekte» an Sozialhilfebezüger*innen also mehr Sozialhilfe erhalten, als die Sozialhilfebezüger*innen für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung hatten. 

Nichtsdestotrotz wurden an diesem Frühsommermorgen die Menschen auf die Strasse geworfen, viele von uns standen vor dem Nichts; Menschen mit Krankheiten, Familien mit Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund. Von der Pandemie bedroht, von Armut bedroht, von Obdachlosigkeit bedroht. Wir alle haben während der Pandemie versucht Wohnungen zu finden, doch es zeigte sich, dass das nicht möglich war. Mehrfach habe ich mit der Immobilienverwaltung das Gespräch gesucht, auf die schwierige Situation hingewiesen und einen Aufschub erbeten bis zumindest die Pandemie vorbei ist – ohne Erfolg. Mehrfach habe ich die Gemeinde um Hilfe gebeten doch auch da hat man mich abgewiesen. Ich habe mit dem Mieter*innenverband Kontakt aufgenommen und gefragt, ob sie uns helfen können, doch rechtlich war die Situation eindeutig; Mietvertrag ist befristet, die Leute werden rausgeworfen, Punktum. Pandemie hin, Pandemie her. Es war also beschlossene Sache; wir wurden auf die Strasse geworfen und hatten keinerlei Grund irgendeine Form von Menschlichkeit von der Immobilienverwaltung der HACO Gümligen zu erwarten. Dass die «Abbruchobjekte» dann noch bis im Jahr 2022 leer standen während viele von uns obdachlos waren, ist angesichts der menschenverachtenden Natur der Sache nur konsequent und versteht sich von selbst. In zeitgenössischem PR-
Slang ist der Homepage zur Neuüberbauung an der Alpenstrasse, unter dem Titel «Schöne Aussichten», Folgendes zu entnehmen: «(...) ein angenehmes Raumgefühl und alles in der Nähe, was man fürs tägliche Leben braucht (...)». Angenehme Raumgefühle also und «Alles was man zum Leben braucht» und «schöne Aussichten» soso...1. Was hatten wir, die Bewohner*innen der «Abbruchobjekte», denn so für Raumgefühle und Aussichten, was hätten wir denn so zum Leben gebraucht? Zur Nachvollziehbarkeit meines Raumgefühls am 1. Juni 2021 lässt sich dies schildern; um 9 Uhr morgens war die Schlüsselübergabe verabredet, Immobilienbewirtschafter*in S.R. lief in Begleitung eines Broncos-Security Muskelprotzes von Abbruchobjekt zu Abbruchobjekt klingelte die Leute aus den leergeräumten Wohnungen voller Echo, klopfte an
Türen, rief Familiennamen, trampelte passiv-aggressiv lärmend durchs Treppenhaus. Aus den Wohnungen klangen hier und da Rufe, «Moment bitte, wir sind noch am Packen» «Bitte nicht so laut, die Kinder schlafen noch» und Ähnliches. Ich öffnete so spät wie möglich – nachdem ich mir eine Dusche und einen Kaffee gegönnt hatte die Wohnungstüre und liess Immobilienbewirtschafter*in S.R. mit dem Broncos-Security-Mitarbeitenden he- rein, bot ihnen «halt leider kein Kaffee mehr» an, sie lehnten meine Gastfreundschaft mit «nein» dankend ab und stacksten durch die Wohnung, öffneten Zimmertüren, Wandschränke, kontrollierten ob alles geräumt und nichts beschädigt war...bei diesem Gang durch die Wohnung fiel mir auf, dass der Broncos-Security-Mitarbeitende eine schwarze Sonne an seinem linken Ellenbogen tätowiert hatte. Ich sprach ihn darauf an, warum er sich ein Zeichen der SS auf den Körper tätowieren hatte lassen, und fragte Immobilienverwalter*in S.R. ob da eine bestimmte Absicht dahinter stehe, wenn ein Typ mit SS-Symbolen Leute hier im Haus einschüchtert und was das eigentlich für eine Art ist mit Menschen umzugehen. Es hiess, das sei «nur ein römisches Zeichen», ich wies auf die historische Eindeutigkeit dieses Symbols hin, stiess aber auf taube Ohren, blinde Augen, abgestumpfte Gehirne, es sei jetzt nicht der Zeitpunkt zu diskutieren und ich solle jetzt die Schlüssel übergeben und endlich das Wohnungsübergabeprotokoll unterschreiben und dass ich den Broncos-Security-Mitarbeitenden nicht mit dem Handy fotografieren solle – und nein auch nicht nur die Tätowierung. Wie soll ich das Raumgefühl bezeichnen, das ich empfand, als der Broncos-Security-Mitarbeitende die Familie mit Kindern aus dem 2. Stock aufforderte sie sollen sich etwas beeilen mit dem Heruntertragen der Matratzen, was empfand ich da genau für ein Raumgefühl als ich der Mutter, die die zweite Matratze alleine die Treppe runterschleifte, half und wir diesen Broncos-Security und die ganze Immobilienverwaltung verfluchten und zuunterst angelangt zusammen eine Zigarette rauchten – schwitzend, wütend, verlassen, resigniert, wortlos uns anblickten und sie mir eine Flasche Mineralwasser anbot, die ich sentimental fast nicht ins PET-Recycling bringen konnte. Was hatte ich, was hatten wir da für ein «Raumgefühl»? Und niemand war da an unserer Seite, nicht der Mieter*innen- verband, nicht die Gemeinde, logischerweise auch nicht die Polizei, wir waren dieser Scheisse einfach ausgeliefert. Und was waren unsere Aussichten?

Von dem Dutzend Menschen die wir damals an diesem 1. Juni 2021 auf der Strasse standen, hatte kein Mensch eine Wohnung gefunden. Wir standen was Wohnraum betraf vor dem Nichts, einige zogen zu Verwandten, andere zu Freund*innen, einer zog ins Hotel, andere zogen ins Passantenheim, ich verliess den Kanton Bern; ich hatte die Schnauze gestrichen voll; Immobilienverwaltungen die mit Neonazi Schlägertypen Familien mit Kindern, POC und Menschen mit Krankheiten aus Häusern verjagten und das während einer Pandemie in der es offiziellen Verlautbarungen zufolge darum ging Risikogruppen zu schützen, solidarisch zu sein und «Zuhause zu bleiben». Und die Gemeinde schaute alldem zu und tat nichts. Ich verliess den Kanton Bern und ganz ehrlich, ich bin bis zum heutigen Tag ohne Wohnung. Ich habe mal hier mal da Unterschlupf gefunden, aber gewohnt habe ich seither nirgends mehr so, wie das hierzulande als «normal» gilt; Zuhause, das ist für mich mein Körper, meine Kleider, die Erlebnisse, die Freund*innen, der Zusammenhalt mit Menschen die ich liebe. Mein Hausrat ist über mehrere Kantone verteilt, bzw. im Universum aufgegangen, und es ist ein Wunder, das ich dankbar annehme, dass meine geliebten Pflanzen nicht draufgegangen sind (Holz alänge). Im Gespräch mit Gemeindesozialarbeiter*in L.R erfuhr ich unlängst, dass es noch einige andere Be-wohner*innen dieser «Abbruchobjekte» gegeben hat, die jahrelang ohne Wohnsitz geblieben sind. Soviel zum Thema «schöne Aussichten». Und nun, auch als Moral und Lektion der Anekdote, was hätten wir «zum Leben gebraucht»? Nun, ein Ort an dem wir hätten Wohnen bleiben können. Menschlichkeit und Respekt. Wirkliche Nachhaltigkeit und nicht ein ausgehöhlter Modebegriff und PR-Gag. Emotionale Intelligenz statt einer Immobilienverwaltung die uns in der Pandemie von Neonazi-Schlägertypen auf die Strasse werfen liess. Eine Gemeindeverwaltung die die ethymologische Nähe zwischen Gemeinde - Gemeinschaft ernst nimmt. Und uns vor Übergriffen, Spekulation, Vertreibung und Willkür der Immobilienverwaltungen schützt,  anstatt das noch zu subventionieren. Dass die Leute nicht einfach aus ihrem Zuhause vertrieben und
auf die Strasse geworfen werden, vor dem nichts stehen, das wäre wirklich wichtig. All diese Dinge können wir von Immobilienverwaltungen, nicht erwarten, das haben diese seit Menschengedenken immer wieder bewiesen. All diese Dinge können wir von einer Gesellschaft in den lebenswichtigen Ressourcen privatisiert werden nicht erwarten. Kapitalismus ist in jeder Ausprägung lebensfeindlich, menschenverachtend, umweltschädlich. 

Fussnoten