Berxwedan Jiyan e! Widerstand heisst Leben.

Der Berjîn Zenda Kurdischer Frauenrat Bern ist Teil der transnationalen vernetzten kurdischen Freiheitsbewegung. Im Gespräch mit Şilan Dersim, erfahre ich, wie der Frauenrat organisiert ist und welches Selbstverständnis ihm zu Grunde liegt. Wir reden über das Patriarchat, Widerstand, Leben und Verbundenheit.

Seit den Angriffen der syrischen Übergangsregierung im Januar auf die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens, auch Rojava genannt, sind Frauenstrukturen vor Ort nach wie vor sehr gefährdet. Durch ein Integrationsabkommen, auf das sich die Parteien Ende Januar geeinigt haben, konnte eine Gewalteskalation verhindert werden. Doch wichtige Rechte der Frauen sind im Abkommen nicht gesichert. Die selbsternannte Übergangsregierung Syriens unter Ahmed al-Scharaa will keinesfalls, dass sich Frauen organisieren. Das bedeutet, dass viele Errungenschaften der Frauen, die durch die Rojava-Revolution über die letzten 14 Jahre aufgebaut wurden, nun existenziell bedroht sind. Dazu gehören politische Mitbestimmung und Gleichberechtigung, Schutz von Frauen, autonome Organisierung etc. Insbesondere die Frauenverteidigungseinheiten YPJ sind gefährdet. Die Kurdische Freiheitsbewegung ruft deshalb zur transnationalen Solidaritätskampagne «Wir sind alle YPJ!» auf. «S’Läbe verteidige», darum geht es, erzählt mir Şilan Dersim des Berjîn Zenda Kurdischen Frauenrat Bern im Gespräch.

Lokale Organisierung

Insgesamt gibt es in der Schweiz in 17 Städten Kurdische Vereine. Die Kurdischen Kulturvereine setzen sich jeweils aus einem Frauenrat und dem gemischten Rat zusammen. Delegierte aus dem Frauenrat sind Teil des gemischten Rates. Die Frauenräte sind der Dachorganisation Union der Kurdischen Frauenbewegung Schweiz (YJK-S) zugehörig. So auch der Frauenrat in Bern. Dersim erzählt, dass die Diaspora mittlerweile ein zentraler Teil der Bewegung darstellt. Es gibt eine starke transnationale Vernetzung, die in engem Austausch ist. 

Gleichzeitig sei die lokale Organisierung sehr wichtig. Der Berjîn Zenda Kurdische Frauenrat Bern leistet bedeutende Gemeinschaftsarbeit vor Ort in Bern. Sei es durch Hilfe bei Wohnungsbewerbungen oder durch das Besuchen von Familien der Gefallenen, um einer Vereinsamung entgegenzuwirken. Das sähen sie als eine kollektive Verantwortung. Es geht darum, in einem umfassenden Sinn ein Sicherheitsnetz zu sein für Kurd*innen in der Schweiz. So ist der Verein beispielsweise gerade im Zusammenhang mit dem Frauenrat auch eine niederschwellige Anlaufstelle für Frauen, die häusliche Gewalt erleben. Das ist wichtig in einem Kontext eines migrationsfeindlichen Systems, in dem Menschen wenig positive Erfahrungen mit Behörden haben. «Fast e chli so genannti Integrationsarbeit», fügt Dersim an, wobei sie aber das alles mit den eigenen Ressourcen machen; und vor allem mit sehr knappen Ressourcen. Nur schon historisch sind sie eine Bewegung, die nicht abhängig ist von Systemressourcen. Es gehe hierbei auch darum aus jeglichen Abhängigkeitsverhältnissen auszubrechen, in denen sich migrantisierte Menschen befinden und strukturelle Benachteiligungen anzugehen. Gerade befinden sie sich in einer Phase des Umbruchs. Diese nutzen sie, um neue Gefässe zu gestalten, Schutz- und Unterstützungsstrukturen auszubauen. Um ganz konkret die Lebensumstände von Kurd*innen in der Schweiz zu verbessern. Und aktiver am sozialen und politischen Leben in der Schweiz teilzunehmen. 

Care und füreinander da sein wird in diesem Sinne gelebt. In sozialen Konflikten, auch in der Schweiz, wird ein Ansatz der transformativen Gerechtigkeit verfolgt. Dabei geht es um Dialog und gemeinsam Verantwortung für Transformation und Veränderung zu übernehmen.

Jin Jiyan Azadî. Frau Leben Freiheit.

Die Kurdische Freiheitsbewegung beruht auf den Ideen der Basisdemokratie, der Frauenbefreiung, also Geschlechtergerechtigkeit, sowie der ökologischen Gerechtigkeit. Diese drei Grundpfeiler werden in all ihrem Schaffen zentriert.

Darum ist die autonome Organisierung von Frauen auch so wichtig für die Bewegung. «Im Wissen wie breit und tief das Patriarchat wirkt, braucht es autonome Frauenstrukturen. Es geht dabei immer auch um ein Kultivieren eines Bewusstseins und eines eigenen Selbstverständnisses», erklärt mir Şilan Dersim. Gemeinsam wird erforscht, was es heisst im Patriarchat zu leben, wie es entstanden ist und wie es im Innern einer jeden wirkt. «Wie müssen Frauen untereinander und zueinander sein? Was verstehen wir als Frauen unter einem freien Leben?» Es seien Gefässe, wo Frauen zusammenkommen und gemeinsam ihre Lebensrealitäten, ihre Erfahrungen und Probleme reflektieren, Antworten formulieren, ihre Ideen und Forderungen organisieren und gestärkt in einen breiteren Kontext raustragen. «Wir organisieren eigentlich unsere Existenz», fügt Dersim hinzu. Es sei wichtig, dass Erfahrungen von kurdischen Frauen, die systematisch marginalisiert werden, bewusst einen Raum bekommen. In einer Vielfalt und Verbundenheit die Grundsätze von einem befreitem Leben gemeinsam kultivieren. «Befreiung schaffen wir uns selbst. Wenn wir uns als Frauen antipatriarchal und stark organisieren und unsere eigenen Strukturen schaffen, werden wir auch eine transformative Wirkung auf die Gesellschaft haben», sei der Ansatz, den sie vertreten. 

«Diese Werte sind tief verinnerlicht. Das ist das Verbindende. Wir sind sehr stolz auf die Kurdische Frauenbewegung. Wir haben immer Kurdistan im Blick, gleichzeitig wollen wir auch Institutionen mitgestalten in den Ländern, in denen wir leben.»

Das alles gehöre zum Verständnis der Bewegung von Selbstverteidigung. Darum sei es wichtig die YPJ zu schützen, denn diese vertreten diese Ansätze. Die Frauenverteidigungseinheiten YPJ sind eine ausschliesslich aus Frauen bestehende militärische Selbstverteidigungseinheit, mit dem Ziel, die Bevölkerung und die Frauen in Rojava sowie ihr Recht auf Selbstverwaltung zu schützen. Es gehe eben nicht nur darum individuell Körper zu schützen, sondern vor allem darum ein gemeinschaftliches Selbst zu kultivieren und zu schützen durch den Aufbau autonomer Frauenstrukturen. Das Recht auf Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und eine gerechte Beziehung zwischen Mensch und Natur und zwischen den Geschlechtern zu verteidigen. Widerstand als etwas, das das Leben überhaupt erst ermöglicht, ein vielfältiges Leben schützt, Möglichkeit gibt sich entfalten zu können und ein würdevolles Leben zu haben. Widerstand, der an der Basis ansetzt mit dem klaren Ziel Alternativen aufzubauen, spürbar in ganz konkreten Lebensrealitäten und nicht losgelöst von dem Gelebten. 

Kurz ist es still. «Weisch ebe Widerstand ist für uns eine absolute Notwendigkeit.»

Visionen

Die Bewegung stützt sich auf den Demokratischen Konföderalismus. Das Modell wurde von Abdullah Öcalan geprägt und geschaffen und innerhalb der Bewegung weiterentwickelt. Öcalan gilt als Vordenker der Kurdischen Freiheitsbewegung und befindet sich in türkischer Haft. Der Demokratische Konföderalismus ist ein Gegenmodell zur Organisierung von Nationalstaaten, betont das Recht auf Selbstbestimmung, findet ohne Monopolbildung statt und setzt auf lokale Selbstverwaltung. Für die Frauenbewegung ist der Weltfrauenkonföderalismus besonders wichtig. Weil eben Herrschaftsverhältnisse wie Faschismus und Kapitalismus global organisiert sind, betont der Weltfrauenkonföderalismus die Organisierung global über Grenzen hinweg mit der gemeinsamen Vision das Patriachat zu destabilisieren und ein sicheres Leben für Frauen und Queers aufzubauen. 

Ich frage nach ihren Visionen. «Ein freies Leben. Wirklich Demokratie, dass Menschen organisiert zusammen das Leben verwalten in einem Gleichgewicht mit der Natur. Das heisst ohne Hierarchisierung zwischen Mensch und Natur und gegen die Vorstellung, dass die Natur etwas ist, was wir unendlich brauchen können. Ganz fest ein Leben aufbauen, wo Vielfalt möglich ist und sich entfalten kann. Ohne Hierarchisierung zwischen verschiedenen Gruppen. Wo Gemeinschaft auf gegenseitigem Respekt und Liebe beruht, im Verständnis wie ineinander verschränkt und verbunden alles ist. Wir müssen uns dementsprechend organisieren, um diese Vielfalt und Verbundenheit zu schützen.» 

Das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Şilan Dersim sagt:« Das alles ist Friedensarbeit. Frieden wird nicht an männerdominierten Tischen verhandelt. Wirklich gelebten Frieden baust du an der Basis auf.»