
BRENNEN BRENNEN BRENNEN. Neben meinem Bett liegt der Gedichtband von Lisette Lombé. Ich schlage ihn auf, da steht: «Pour chaque Weinstein, pour chaque Epstein du dimanche, chaque pseudo DSK, pseudo Woody, pseudo R. Kelly, pseudo Koffy, pseudo Polanski, tu demandes combien?» Wie viele sollen es sein?
Ich öffne Instagram, da steht: Femizid in Gnosca im Tessin am 13. Februar 2026. Ich stocke. Atmen.
Am 6. Februar gab es einen Femizid in Staufen im Aargau. Am 30. Januar in St. Gallen. Die Frau war erst 26 Jahre alt. 28. Januar, Bellinzona im Tessin. Die Frau wurde 46 Jahre alt. 24. Januar, Carouge, Genf. Die Frau wurde 52 Jahre alt. Versuchter Femizid: 14. Februar 2026 in Bubendorf, Basel-Landschaft. Die Frau überlebt. Sie ist 34 Jahre alt. Auf der Webseite stopfemizid.ch sind sie aufgeführt, fünf Femizide wurden schon begangen im Jahr 2026, das erst eineinhalb Monate alt ist. Fünf Frauen, die gewaltvoll in der Schweiz getötet wurden.
Ich öffne meine Newsapp und lese von den Epstein Files. Überall lese ich von den Epstein Files. Die schiere Gewalt gegenüber Frauen und minderjährigen Mädchen schlägt mir entgegen, so klar, so unmissverständlich. Und trotzdem bleibt sie nicht fassbar, zu gross, um zu begreifen.
Die Männer, die sich gegenseitig schützen, die Dimensionen. Das Verhindern von Aufklärung, sich verstecken, die Ignoranz. Das Nichts-Gesehen-Haben-Wollen und das Nichts-Dagegen-Getan-Haben. Das Mitgemacht-Haben, und das Mit-machen.
Auf dem Küchentisch liegt das Februarheft vom megafon* mit dem Titeltext von nip zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen. Schon ein bisschen viel jetzt nochmal so einen Text zu bringen. Aber: schon auch ein bisschen viel jetzt noch ein Femizid, noch, noch. Wie viele sollen es sein?
Ich suche nach Worten. Sie bleiben mir im Hals stecken. Wir sitzen am Küchentisch und suchen nach Worten, in der Bar, im Park, auf dem Spaziergang, suchen wir nach Worten. Immer und immer wieder. Erzählen einander von Gewalterfahrungen. Hören zu. Du bist nicht allein. Wir lassen dich nicht allein. Wir sind dein Rücken. Wir, das sind deine Freund*innen, Sozialarbeiter*innen, Mütter, Anwält*innen, Aktivist*innen, die sich aussetzen, unermüdlich, die anprangern, sich angreifbar machen. Müde sind wir auch. Wir, das sind Grossmütter, das sind Therapeut*innen, das sind Supermarkmitarbeiter*innen, die genau aufpassen, wenn jemand unter deinen Rock filmt. Wir, das sind Generationen an Frauen vor uns, die nicht leise waren, die sich unsere Rechte hartnäckig erkämpft haben. Wir, das sind Mitpassagier*innen, die deinen Bedränger in der Tram zur Rede stellen, Nachtarbeiter*innen, die ihn aus dem Club schmeissen. Wir sind Schwestern. Wir fordern heraus, klagen an, stellen uns in den Weg, schreien laut. Wir schreien Ni Una Menos und enough is enough. Nicht eine weniger.
Wir schreiben über patriarchale Gewalt, versuchen zu erklären. Bilden Sätze. Immer wieder andere und neue Arten zu beschreiben, begreifbar zu machen. Gegen den Schmerz anschreiben und die Wut, schreiben in der Hoffnung von Veränderung. Und dieser Text wurde schon so oft geschrieben. Das ist es auch, was mich so müde
macht.
(Und ich schreibe in Bruchstücken. Pause.Kurze Sätze, zerstückelter Text. Zum Satzende kommen endlich. Jeder Satz ein Berg. Mein Herz, das pocht. Aneinanderreihungen. Weil ich immer wieder ringe mit der Realität, die so brutal ist. Weil da immer wieder diese Fassungslosigkeit ist. Weil sobald ich einen Satz beende, da Leere ist.)
Und Lombé schreibt: « Combien de sœurs sous les sourires, sous les silences, sous les convenances ? »
« Combien ? Dites-moi combien ! »
Am 8. März ist internationaler feministischer Kampftag. Wir brennen, brennen, brennen.

