
Ich möchte Tristan alles erzählen, was ich erlebe. Ich habe jeden Tag neue Ideen, für Sachen, die ich mit Tristan unternehmen möchte. Am Abend muss ich an Tristan denken, sonst kann ich nicht einschlafen. Ich lasse mich stark beeinflussen von Tristans gaze, brauche seine Bestätigung, bin süchtig nach seiner Aufmerksamkeit. Ich habe euphorische Gefühle, wenn er mich beachtet und falle in tiefe Löcher, wenn er mich ignoriert. Er hat mich beim Lachen angeschaut, er muss auf mich stehen. Er fragt mich nicht, wie es mir geht, ich muss ihm egal sein. Tristan ist ein sehr privater Mensch, er erzählt mir nie etwas Persönliches. Umso mehr kann ich mir ausmalen, wer Tristan sein könnte, ergänze die Lücken, die er hinterlässt mit meinen Wunschgedanken. Ich habe Tristan auf ein so hohes Podest gestellt, dass ich ihn gar nicht mehr sehe. Weil ich in Tristan nicht nur verliebt bin. Das ist Limerenz.
Dorothy Tennov hat 1979 den Begriff «Limerenz» in ihrem Buch «Love and Limerence» etabliert. Tennov ist eine Professorin für Verhaltenspsychologie aus den USA. Sie definiert Limerenz als ein Anziehungsmuster des Verliebens, das auf der Idealisierung einer Person basiert, insbesondere wenn die Gegenseitigkeit dieser Verliebtheit ungewiss ist, wenn man keine Beziehung zur Person hat oder wenn die Person nicht verfügbar ist. Tennov nennt diese Person das «limerente Objekt», oder kurz das «LO». Der Begriff lässt sich also nicht nur als Substantiv einsetzen: Ich reagiere limerent auf Tristan. Oder ich habe limerente Empfindungen für Tristan. Prof. Tennov beschreibt Limerenz zusammengefasst in zehn Punkten: 1. Häufige zwanghafte Gedanken über das LO. 2. Ein akutes Bedürfnis für reziproke, also gleich stark erwiderte Gefühle. 3. Laune hängt übermässig von den Aktionen des LO ab; Euphorie bei Erwiderung, Dysphorie bei Desinteresse. 4. Unfähigkeit auf mehrere Personen gleichzeitig limerent zu reagieren. 5. Flüchtige Erleichterung der unerwiderten Gefühle durch lebhafte Fantasien von reziproken Gefühlen durch LO. 6. Unsicherheit und Schüchternheit in der Gegenwart des LO, manifestiert sich in übermässigem physischem Unwohlsein (schwitzen, stammeln, Herzrasen). 7. Intensivierung der Gefühle bei Ambivalenz und Zweifel, zunehmende Gewissheit führt zu Abflauen des limerenten Zustands. 8. Ein schmerzendes Gefühl «im Herz», wenn die Ungewissheit stark ist. 9. Gene- rell ein intensives Fühlen, das andere Belange in den Schatten stellt. 10. Kleinreden oder Mitgefühl mit negativen Attributen des LO.
Die Limerenz ist folglich ein unerwünschter Zustand, da er für die betroffene Person häufig mit Stress und emotionalen Tiefs verbunden ist. Limerenz aktiviert das Belohnungssystems im Gehirn. Deshalb ähnelt sie einer Sucht. Tennov betont, dass es sich bei der Limerenz um einen temporären Zustand handelt, er kann drei Monate bis aber sogar drei Jahre anhalten. Zudem kann es auch für das limerente Objekt unangenehm oder gefährlich werden, dann wenn die Limerenz erlebende Person Grenzen überschreitet. Menschen haben keine Macht über ihre Gefühle, jedoch über ihre Aktionen. Offene Kommunikation hilft Limerenz zu vermeiden.

