
Als ich kürzlich im 17ner-Bus an der Haltestelle Kocherpark vorbeifuhr, da sah ich sie. Zwei Töggeli in grauer Bernmobil-Uniform, die sich am schweren roten Kasten zu schaffen machten. Das nächste Mal, als ich vorbeifuhr, befand sich dort statt des Kastens eine Leerstelle. Tickets lösen geht seither an der Bushaltestelle Kocherpark nur noch online oder an einer anderen Haltestelle. Verwundern tut mich das nicht, und ich denke, das ist erst der Anfang. Ich habe eine Weile in Malmö gelebt, wo die Digitalisierung bereits weiter fortgeschritten ist, dort, wo ich sie in Bern in einigen Jahren vermute. In der südschwedischen Stadt gibt es gar keine physischen Tickets mehr für den öffentlichen Nahverkehr, generell kaum mehr physische Bezahlmöglichkeiten. Bernmobil zieht nun langsam nach. In einer Mitteilung vom 21. März 2025 kündigt der Berner Verkehrsbetrieb den Abbau von sechzig «schwach frequentierten» Automaten des Liniennetzes in Bern, Köniz und Ostermundigen an. Ersatz gibt es keinen. Freundlicherweise wird aber bei jedem abgebauten Automaten ein Hinweis platziert, wo der nächste Automat zu finden sei. Zugegeben, das mit den Bernmobil-Automaten ist jetzt kein Weltuntergang, denn viele der flinken Bargeldnutzer*innen und Papierliebhaber*innen wissen schon längst, wie man den Bernmobil-Töggeli ausweicht, die nach den gültigen Tickets dürsten. Doch wäre wohl diese Option meiner fast neunzigjährigen Oma nicht nur moralisch verwehrt, sondern auch aus Gründen der etwas nachlassenden Flinkheit schlicht nicht zugänglich. Glücklicherweise gönnt sie sich als einzigen Luxus mit ihrer bescheidenen Geringverdienerinnen-Rente aber ein Senior*innen-GA, weshalb sie trotz Abwesenheit von roten Automaten bei Kontrolle den Bernmobil-Töggeli ein freundliches Lächeln schenken kann. Doch vermutlich geht es vielen ihrer Altersgenoss*innen dabei anders. Viele von ihnen verwenden nur Bargeld, manche können vielleicht mit einer Karte umgehen, doch Tickets auf einem Smartphone kaufen? Das wäre nun doch zu viel verlangt. Obwohl diese Menschen dann das Schild lesen, zu Fuss zur nächsten Haltestelle mit Automaten gehen, und wieder zurück?
«Ä Schnägg» aus Zehnräpplern
Gewiefte Leser*innen werden es bereits vermuten, das Problem fängt nicht bei roten Bernmobil-Automaten (und Töggeli in grauen Uniformen) an und es hört auch nicht bei ein paar aufgeschmissenen Rentner*innen ohne aktiven Smartphone-Gebrauch auf. Dies sind nur Randsymptome der kapitalistischen Entwicklung der Digitalisierung – der Bargeldlosigkeit. Online bezahlen und Twint machen jeden Kauf total einfach, kein mühsames Portemonnaie voller Münzen, vor allem die Zehn- und Zwanzigräppler machen einen eh wahnsinnig. Zum Glück sieht mensch seit einiger Zeit kaum mehr Fünfräppler. Die Mehrheit störts nicht, wenn das Bargeld langsam verschwindet. Vielleicht merkt sie es auch gar nicht, weil Bargeldlosigkeit nicht nur verdammt praktisch, sondern auch klammheimlich zur Norm geworden ist. Manche verzichten mittlerweile gar gänzlich aufs Portemonnaie. Obwohl ich glücklicherweise noch ein Portemonnaie führe, kenne ich das mit dem fehlenden Bargeld. «Hesch mr chli Münz», muss ich bedauerlicherweise zu oft mit einem beschämten «Tut mir Leid, ich habe grad kein Bargeld dabei» beantworten. Eine Antwort, die frustriert. Denn kein Bargeld haben bedeutet ja nicht kein Geld haben. Aber ist halt eine gute Ausrede.
Nun nähern wir uns auch dem Kern des Elends mit dem verschwindenden Bargeld, zumindest einem davon. Bargeld ist für Menschen «auf der Gasse» lebensnotwendig. Wer keinen festen Wohnsitz hat, kann kein – beziehungsweise nur schwer – ein eigenes Konto eröffnen, und somit ist es auch nicht möglich, ohne Bargeld zu bezahlen. Und folglich werden na dis na Menschen, die sowieso schon Ausgrenzung und Stigmatisierung erfahren, weiter aus sozialen Räumen ausgeschlossen. Aber nicht nur das – auch der einfache Erwerb von Lebensmitteln wird zu einer Herkulesaufgabe. Und in so manch einer Realität muss auch täglich der notwendige «Schnägg» (Fünffrankenmünze) für die Übernachtung in der Notschlafstelle mühsam aus Zehnräpplern zusammengekramt werden.
Suchterkrankte Personen stehen häufig vor noch grösseren Herausforderungen. Wie hoffentlich heutzutage gemeinhin bekannt ist, lässt sich Sucht nun eben nicht dadurch bekämpfen, zu sagen «konsumiert doch einfach nicht mehr». Es müssen also von ebendiesen suchterkrankten Menschen Wege gefunden werden, um an ihre illegalisierten Suchtmittel zu gelangen. Und, naja, man kann es sich denken, dass wohl diejenigen, die diese verticken, kein Interesse an Kartenzahlung haben.
Einmal hin- und zurück für sechsundzwanzig vierzig, bitte
Widmen wir uns der nächsten Realität einer gescheiterten Sozial- und Asylpolitik – diese betrifft mitunter Sans-Papiers im Untergrund oder abgewiesene Asylsuchende, die legal nicht arbei-ten dürfen. Letztere müssen im Kanton Bern von zehn Franken Nothilfe-Geld pro Tag leben. Häufig kostet wohlgesagt schon das ÖV-Ticket von einer Nothilfe-Unterkunft bis in die nächste Stadt mehr als dieses Tagesguthaben, beispielsweise kostet einmal Bern-Konolfingen ohne Halbtax sechsundzwanzig Franken vierzig. Für die Halbtax-Abonnements sorgt teilweise das Migrant Solidarity Network, das Spenden dafür sammelt, doch für alle, die es bräuchten, reicht es leider nicht. Ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Eine Flucht ist teuer. Schlepper*innen müssen bezahlt werden, und dafür braucht es Geld, viel Geld. Häufig werden Menschen auf der Flucht noch beraubt oder sonst abgezockt und es kann sein, dass Geld ausgeliehen werden muss. Bargeld – von denen, die es halt haben (und diese sind ihren Gläubiger*innen nicht immer freundlich gesinnt). Und dieses Geld gehört dann zurückgezahlt. Für solche Situationen gilt: Solange es keine sicheren und legalen Fluchtwege gibt, ist digitales Geld für manche Menschen völlig unbrauchbar. Und mit zehn Franken Nothilfe-Geld lässt sich da kaum was zurückbezahlen. Unter diesen Umständen ist es doch nachvollziehbar, dass manche Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich irgendwie einen Batzen dazuzuverdienen. Und das geschieht dann halt nicht auf legalem Wege, denn das würde Vater-Staat ja nicht gestatten.
Hast du Twint?
Die Verkettung von sozialpolitischen Missständen und ihrer Unvereinbarkeit mit digitalem Geld liegt auf der Hand (welch Ironie, diese Redewendung). Viele marginalisierten Menschen sind auf Bargeld angewiesen, und dafür braucht es dieses im Umlauf. Wenn also die Privilegierten unter uns (dazu zähle ich mich auch), mit der schönen neuen Welt in die Bargeldlosigkeit abdriften, so tragen wir leider dazu bei, dass es den anderen noch mieser geht. Keine Individualblamage hier, ich selbst bin wirklich kein gutes Vorbild im Bargeld-auf-mir-tragen. Es half, dass es bis vor Kurzem letzte Bars und andere Orte gab, die quasi Bargeld-Inseln waren – kein Twint, keine Kartenzahlung. An so manchem Abend fand ich mich an einem gelben Bankomaten wieder und wappnete mich mit einem Scheinchen oder zwei. Diese letzten Inseln sind nun auch versunken im Twint-Sumpf, leider. Yuppie-Schuppen wie das Lido Altenberg oder das neue «Bollwärk», das anstelle des Kapitels sein kapitalistisches Glück versucht, bieten sogar schon gar keine Barzahlung mehr an – genug Grund für mich, diese Pflaster vehement zu meiden.
Auch hier lohnt sich der Seitenblick auf Schweden – es ist bereits ganz normal, dass in vielen Bars, Restaurants und Einzelhandelsläden dort nur noch digital bezahlt werden kann. Zu den schon erwähnten Problemen kommt hinzu, dass digitales Geld immer an eine «Personal Number» gekoppelt ist, das ist sowas wie eine AHV-Nummer. Wer kein Geld oder keine Papiere hat, bekommt keinen legalen Aufenthaltsstatus. Wer keinen legalen Aufenthaltsstatus hat, bekommt keine Personal Number. Wer keine Personal Number hat, kann keine Wohnung mieten und schon gar kein Bankkonto dort eröffnen. Wer das schwedische Äquivalent zu Twint – «Swish» – verwenden will, braucht natürlich nicht nur ein Smartphone, sondern auch ein schwedisches Bankkonto. Fertig ist der Teufelskreis. So wird es wohl hier auch bald sein, wenn wir uns nicht wehren.
Nötli gegen Überwachung
Gründe, uns zu wehren, gibt es übrigens auch genug, die nichts mit Empathie mit marginalisierten Gruppen zu tun haben. Die Banken, die das unsichtbare Geld halten, stehen einerseits schon immer auf wackeligen Beinen (natürlich gilt das auch für das sichtbare Geld, Stichwort Inflation, doch das wäre ein anderes Kapitel). Im Kapitalismus ist nichts sicher, wie zum Beispiel der Niedergang der CS gezeigt hat. Andererseits scheint es in einer multikriseligen Weltsituation geradezu fahrlässig, sich komplett auf Banken, Strom, Server, Internet und all die weitere Infrastruktur, die digitales Geld benötigt, zu verlassen. Ausserdem: Digitales Geld ermöglicht eine lückenlose Verfolgung des Geldes. Und das wiederum bedeutet die totale Überwachung. Wer den Geldhaien vertraut, oder die Gefahr von Überwachung noch nicht erkannt hat, mag dies vielleicht nicht so stören, doch mal ernsthaft: Wer vertraut diesem System wirklich noch? Natürlich gehört Bargeld genauso zu einer kapitalistischen Gesellschaft wie digitales. Doch aus einer antikapitalistischen Perspektive sollte trotzdem hervorgehen, dass die Bargeldlosigkeit viele der kapitalistischen Abgründe maximiert, und den Verlierer*innen des Kapitalismus jeden verbleibenden Boden unter den Füssen wegzieht.
So oder so: Wenn das Bargeld einmal weg ist, wird es nicht mehr wiederkommen. Deshalb mein Appell – und ich bin mir völlig bewusst, dass ich dabei gegen Windmühlen kämpfe (und wir uns hier auf der Individualebene befinden): Geht an den Geldautomaten, wenn ihr das nächste Mal was trinken geht, wenn ihr ins Kino geht, oder welche Konsumaktivität ihr auch wählt. Verweigert den Konsum an Orten, wo ausschliesslich digital bezahlt werden kann, auch wenn ihr gerade kein Bargeld auf euch tragt. Lasst euch meinetwegen auch euer monatliches Essens-Budget bar raus, ich habe gehört, damit lasse sich sogar noch Geld sparen. Und falls doch mal überschüssige Zehn- und Zwanzigräppler euer Portemonnaie belasten, so bin ich mir sicher, ihr findet eine*n dankbare*n Abnehmer*in.

