
Seit Oktober 2025 ist ein Teil des alten Tiefenauspitals besetzt. Nach anfänglicher öffentlicher Wirksamkeit wurde es in den letzten Monaten ruhig um die Besetzung und das gleichnamige Kollektiv «Allianza Ambulanza». Was ist seither passiert? Wo steht die Allianza Ambulanza heute und wie geht es weiter?
Jule und Ernesto (Namen von der Redaktion geändert) von Allianza Ambulanza geben dem megafon eine Tour durch das ehemalige Verwaltungsgebäude des Tiefenauspitals. Dabei berichten sie über die Pläne und Visionen des Kollektivs.
In der Besetzungsphase passierte vieles: Öffentliche Anlässe fanden statt, Aufrufe zur Unterstützung machten die Runde, und Medien wie das Journal B und das Radio Rabe berichteten. Seither hat sich Allianza Ambulanza vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jule erzählt, dass es den Kollektivmitgliedern wichtig war, ein Konzept und eine Struktur auszuarbeiten, bevor die Besetzung ihre Türen wieder öffnen möchte. Und das brauche seine Zeit. Seither ist intern be- reits vieles passiert. In zahlreichen Sitzungen haben die zwischen 20 und 30 Kollektivmitglieder an ihrer Vision gearbeitet, Ideen entwickelt und sich über Werte und Grundsätze geeinigt. Ein Manifest ist in Entstehung.
Ein nicht-kommerzieller Begegnungsort
Abgeschlossen sei dieser Prozess zwar noch nicht, die Grundzüge aber bereits erkennbar: Ein «Ort für alle» soll es sein, möglichst inklusiv und für viele verschiedene Menschen ansprechend. Diskriminierung jeglicher Art soll nicht geduldet werden. Die Besetzung will insbesondere Raum für soziale Projekte schaffen, es soll ein Ort der Begegnung sein. In Teilgruppen erarbeiten die Kollektivmitglieder derzeit die Bespielung der rund 2000m2. Die Infrastruktur sei vorhanden, und in einem relativ guten Zustand. «Es gibt Strom und Wasser und die Räume sind mehrheitlich geheizt», erzählt Ernesto, während er den Lichtschalter des zukünftigen Sportraums drückt. Viele Ideen kursierten, und nun ginge es darum, die Räume zu bespielen. Dazu steht Allianza Ambulanza bereits mit verschiedenen Kollektiven in Kontakt.
Zentral wird an einem nicht-kommerziellen Begegnungscafé gearbeitet, das in absehbarer Zeit eröffnen soll. Auch ein Sportraum, eine offene Werkstatt, eine Tauschbörse, ein Mama*-Treff und Ateliers sind in Entstehung. All diese Angebote sollen - sobald etabliert - für möglichst viele Menschen nutzbar sein. Ein wichtiger Baustein des Projekts sind ausserdem Deutsch-Kurse für geflüchtete Menschen, die im alten Tiefenauspital angeboten werden sollen. Diese sind insbesondere auch an die räumliche Nähe zur Kollektivunterkunft in einem anderen Teil des alten Tiefenauspitals geknüpft.
Wichtig bei all diesen Angeboten: Sie sollen nicht-kommerziell sein, das heisst, kein Mensch soll sich finanziell daran bereichern können. Das geht einher mit der antikapitalistischen Grundhaltung des Kollektivs.
Der Bedarf nach Freiräumen
Trotz des vorübergehenden Rückzuges aus der Öffentlichkeit stösst die Besetzung weiterhin auf grosses Interesse und auf viel Zuspruch. Offen zu sein für neue Kollektivmitglieder und andere interessierte Personen und Gruppen ist der Allianza Ambulanza wichtig. Wer sich beteiligen will, und mit den Grundwerten des Kollektivs übereinstimmt, kann sich beteiligen. «Wir erhalten viele Anfragen per Mail oder über unser Instagram-Profil von Menschen, die sich für uns interessieren oder sich beteiligen möchten», so Ernesto. Helfende Hände für Projekte sind also gerne gesehen. Deutlich zeigt sich für Jule und Ernesto durch den ganzen Zuspruch von aussen auch, dass es dringend mehr derlei Freiräume braucht.
Natürlich bedeutet ein solches Kollektivprojekt auch viel Arbeit, und das bedarf Kapazitäten. Jule meint, dass es anfangs teilweise sehr intensiv war - «aber wir versuchen, unsere Bedürfnisse zu beachten und uns gegenseitig zu unterstützen. Menschen haben verschiedene Kapazitäten und können sich mehr oder weniger einbringen».
Viva Allianza Ambulanza
Wie die farbenfrohe Zukunftsvision vermuten lässt, hat das Kollektiv vor, zu bleiben. «Wir sind positiv gestimmt», meint Ernesto. Der Austausch mit der ISB (Immobilien Stadt Bern), denen das Areal des alten Tiefenauspitals gehört, verlaufe so weit gut. Insbesondere die soziale und offene Ausrichtung der Besetzung, anstatt eine Party-Location oder ein Ort für eine eingefleischte Szene zu sein, spielt dem Allianza Ambulanza-Kollektiv dabei wohl in die Karten. Es mag wohl im Interesse der Stadt Bern sein, die Besetzung zu legalisieren. Auf welche Form und welche Bedingungen sich die beiden Parteien einigen werden, ist derzeit noch ungewiss.
Das megafon ist gespannt, wie es mit der Besetzung im Norden von Bern weitergeht. Mehr Infos und Updates dazu gibt es auf dem Instagram-Kanal «alliazaambulanza». Kontaktanfragen nimmt das Kollektiv gerne über allianzaambulanza-koordination@immerda entgegen.

