
Wenn man einen Text über Kunst liest und kein Wort versteht. Eine prototextuelle intro- wie extrospektive Annäherung an die Leere/Leerstelle von «International Art English».
Vor einigen Monaten war ich in einer Kunstausstellung. Vor dem Eingang drängten sich die Besucher*innen um den Beschrieb der Ausstellung. Ich las den Text durch, um beim letzten Ab-satz gleich wieder zum ersten zu wechseln, und nochmal und nochmal. Nach einer Weile sagte ein Besucher laut zum anderen: «Verstehst du worum es geht?», «Ganz klar.» Schon die Frage war mit offensichtlicher Ironie gestellt worden. Wir schmunzelten – die anderen verstanden also auch nicht. Unklar, ob es in diesem Text überhaupt darum gehen sollte, mehr Verständnis für das Kunstwerk zu schaffen. War das hier Teil der Kunst? Ein intellektueller Beitrag? Eine dadaistische Ergänzung?
Mit dem Phänomen beschäftigen sich Kunstschaffende wohl auch selbst konstant. So meinte der Künstler David Levine, dass sich alle Künstler*innen ständig über die Kunstsprache beschweren, diese aber trotzdem brauchen würden.
Levine verfasste 2013 schliesslich gemeinsam mit der Soziologin Alix Rule einen Essay zum Phänomen der komplizierten Sprache rund um Kunst, das sie «International Art English» nannten. Im Essay halten die beiden fest, dass «IAE» eine elitäre Sprache sei, die international von verschiedensten Kunstschaffenden übernommen werde, um in der Welt der Kunst ernst genommen zu werden. Das führe schliesslich dazu, dass sich die Texte extrem ähnlich, die verwendeten Worte austauschbar seien.
«Leere», «Raum» und «das Reale»
Entstanden ist «International Art English» in den 1960er Jahren in den USA, als Kunstrezensionen von verschiedenen Magazinen mit geisteswissenschaftlicher Theorie unterfüttert wurden. Schnell habe sich diese Art über Kunst zu schreiben durch- gesetzt und schliesslich auch Eingang in die Galerien selbst gefunden. Die Sprache klingt stark akademisch und ist in ihrem Inhalt nie ganz verständlich (oder gänzlich unverständlich) ‒ weil sonst zu eindeutig. Begriffe wie «Space» (Raum), «The Void» (Die Leere), oder «the real» (Das Reale) seien besonders häufig und nicht an eine spezifische Bedeutung gebunden, sondern auf vieles Verschiedenes anwendbar. Während «para-, proto-, post- und -hyper» gerne vor Wörter gestellt würden. Aus «fiktional» wird so etwa «parafiktional». Ziel solcher Texte sei weniger, dass sie verstanden werden, als dass sie Anerkennung bekommen. Weil sie – wie gesagt – so wichtig tönen.
Die kurze Unterhaltung der beiden Besucher neben mir, war deshalb eine Art Erleichterung. Und linderte den Druck, unbedingt verstehen zu müssen, was überhaupt gar nicht zum Verstehen beitragen sollte. Oft genug habe ich erlebt, dass Menschen sich nach dem Lesen solcher Texte dafür verurteilen, den Inhalt nicht verstanden zu haben. So geht der Essay auch darauf ein, dass Gallerist*innen meinten, Besucher*innen würden die Begleittexte zu den Kunstwerken gar nicht erst lesen.
Dass die Texte nicht verstanden werden, gehört also irgendwie dazu. Darum Kopf hoch beim Nicht-Verstehen. Es ist okay. Und vielleicht könnte man den Begleittext auch mal weglassen? So zur Erfrischung.
Machtinstrument oder subversive Kritik?
Der Essay führte zu vielen Reaktionen. Darunter der Kunsthistoriker Mostafa Heddaya, der «IAE» als Form der Machtstabilisierung sieht. Die etwa von Kurator*innen als Instrument verwendet werde, um gegenüber unterdrückerischen Systemen nicht wirklich Kritik äussern zu müssen, sondern schlicht auf eine vermeintlich kritisch Sprache zurückzugreifen. Dagegen sieht die Autorin Mariam Ghani «IAE» auch als Möglichkeit für Künstler*innen, die stark unter Zensur stünden, subversiv Kritik zu äussern.

