Ladies entspannt euch: Alles wird normal!
- Text von lea
- Bild von Florence Fausch

In ihrem neuen Album «The Life of a Showgirl» erzählt Taylor Swift, wie die Liebe zu einem Mann sie vom Feminismus befreit hat. Endlich wieder normal, die «lonely lady with cat» ist Geschichte.
Endlich Pause vom anstrengenden Feminismus, aus einigen Ecken der Popkultur ist gerade ein Seufzer der Erleichterung wahrzunehmen. Allen voran Taylor Swift mit ihrem neuen Album «The Life of a Showgirl», das Anfang Oktober dieses Jahres erschienen ist.
Darin besingt Taylor Swift die Liebe zu ihrem Verlobten, dem Football-Spieler Travis Kelce und schwelgt im Traum von der normalen Kleinfamilie. Zugleich handelt das Album von Swifts Leidensdruck als Person der Öffentlichkeit, die ständig beobachtet und bewertet wird. Das Album ist von Fans und Kritiker*innen nicht nur gut aufgenommen worden. Gerade weil Swift zu einem sehr konventionellen Ideal zurückkehrt. Neben Taylor Swift findet sich dieses Ideal auch sonst in der Popkultur, die konventionellen Ehefrauen by choice kommen gerade nicht nur aus der rechten Tradwife Ecke.
In «Showgirl» bespielt Taylor Swift drei Frauenbilder: die passive Frau, die gerettet wird, die verrückte Frau, die zur Vernunft gebracht wird, und das Showgirl, das endlich nicht mehr performen muss. Allen gemein ist, dass ihre Veränderung wegen einem Mann geschieht. Und ihr Wunsch nach Normalität.
Die passive Frau
Taylor Swift war schon immer ein «Normie». Dennoch wurde sie, vor allem in der jüngeren Vergangenheit, auch als feministische Inspiration verstanden. Besonders als sie einen beleidigenden Kommentar Donald Trumps konterte, indem sie sich als «lonely lady with cat» bezeichnete. In früheren Musikvideos inszenierte sich Taylor Swift nebst dem herkömmlichen Kitsch auch als Actionheldin oder als Aschenputtel, die sich für das Schloss und gegen den Prinzen entscheidet. In «The Life of a Showgirl» fehlt Taylor Swift so jeglicher Handlungsspielraum. Wer hier vor allem handelt, ist der Mann.
Die Rolle der Märchenprinzessin, die in früheren Songs auch schon ironisch umgedeutet wurde, nimmt Swift im Song «The fate of Ophelia» wortwörtlich. So bleibt die einsame Frau eine Sleeping Beauty (deutsch: Dornröschen), die aus dem Schlaf oder ein Rapunzel, die von ihrem Märchenprinzen aus dem einsamen Turm gerettet wird, «I sat alone in my tower». Folgerichtig verschwindet die Selbstbestimmung und die Fähigkeit sich selbst zu retten, wenn Taylor Swift in «opalite» davon singt, dass sie früher selbst für Sonnenschein sorgen musste, während das heute, da sie einen treuen Mann an ihrer Seite hat, nicht mehr nötig sei («now the sky is opalite»). Bis auf einige wenige Ausnahmen, wird das Glück «The Life of a Showgirl» von einem Mann gebracht.
Die verrückte Frau
Dabei geht sie im Song «The Fate of Ophelia» noch einen Schritt weiter; da wird nicht nur das Bild der passiven Frau bedient, die auf ihren Erretter wartet. Ophelia, eine Figur aus Shakespeares «Hamlet», wird im Stück verrückt, als ihr Vater stirbt und Hamlet sie zurückweist. Sie ertrinkt schliesslich in einem Fluss. Shakespeares Ophelia wird in der feministischen Literaturwissenschaft als Archetyp der verrückten Frau betrachtet. Daran, wie ihre Verrücktheit dargestellt wird, zeige sich der jeweilige Zeitgeist: Vom Liebeswahn im Mittelalter über die Hysterie im neunzehnten Jahrhundert bis zur schizophrenen Störung in den 1960er Jahren. Welche Ophelia liegt uns also bei Taylor Swift vor? Eine, deren Verrücktheit auf Einsamkeit gründet, auf der Idee, sich selbst genug zu sein: «I might‘ve drowned in the melancholy/ I swore my loyalty to me, myself and I/ Right before you lit my sky up». Das Taylor aka Ophelia verrückt wurde, liegt also daran, dass sie glaubte für sich selbst sorgen zu können – «me myself and I » – woran sie beinahe ertrunken wäre. Würden wir Taylors Ophelia also als Ausdruck unseres Zeitgeistes lesen, wäre es die Verrücktheit einer einsamen Frau, der der richtige Mann an ihrer Seite fehlt. Aber erinnern wir uns kurz zurück, war da nicht die «lonely lady with cat»? War das nicht genau diese Frau, die behauptete, sich selbst genug zu sein und die sich über das Stigma der einsamen Frau lustig machte? Wird nun alles, was Talyor Swift bisher einen feministischen Anstrich gab, als verrückt umgedeutet? Wurde sie also «sane» durch ihren Partner?
Das Showgirl
Wenn Einsamkeit und Selbstbestimmung in Taylors neuem Album als verrückt umgedeutet werden, dann stellt das «extrem Normale» im Gegenzug das Gesunde dar. Willkommen im sehr konventionellen Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie: «I just want a bunch of kids», singt sie in «wish list», «got the whole block looking like you, we tell the world to leave us the fuck alone / got me dreaming ‘bout a driveway with a basketball hoop». Aus dem Showgirl wird die «normale» Frau mit dem «normalen» Leben: Einem Mann, ein paar Kindern und einem Basketballkorb in der Einfahrt. Schliesslich kommt denn auch das Eingeständnis, in dem ihre bisherigen feministischen Widerstände als eine Show, eine Inszenierung demaskiert werden: «when I said I don‘t believe in marriage, that was a lie/ but I‘m not a bad bitch and this isn‘t savage».
Natürlich ergibt sich die Normalität, die sich Taylor Swift in ihren Songs herbeisehnt, auch aus dem Kontrast zu ihrem Leben als eine der erfolgreichsten Popstars, deren Privatleben von der Öffentlichkeit konstant beobachtet und kommentiert wird. Die Welt des Popstars und die Welt der «normalen» Frau werden einander im Album auch konstant gegenübergestellt. So, als gäbe es entweder das eine oder das andere – Reichtum oder Kleinbürgertum. Eine andere Lösung als Alternative zur «normalen» Frau entwirft Taylor Swift nicht.
Normcore in der Popkultur
Der Wunsch, zum «Normalen» zurückzukehren, findet sich auch andernorts in der Popkultur. In der Netflix-Serie «Nobody Wants This» kämpfen die exzentrische Podcasterin Joanne und der coole wie traditionelle Rabbi Noah für ihre Liebe, die sich vielen Hindernissen stellen muss. Trotz oder gerade wegen der Extravaganz ihrer Protagonistin, die feministische Ideen vertritt, findet sich auch hier das Ideal des Normalen. Nämlich wenn die Protagonistin in der zweiten Staffel die Erkenntnis hat, dass sie all das, was sie bis vor ihrer Beziehung abgelehnt hatte, eigentlich möchte: Gemeinsam Innendekoration aussuchen, besorgt um die eigenen Kinder sein, ein bürgerliches Leben mit ihrem Partner. «I used to think I was so anti-establishment, but as it turns out, I am establishment.»
Ähnlich verhält es sich in der neuen Serie von Lena Dunham, die 2012 mit «Girls» Frauen auf eher unkonventionelle Art porträtierte und dem Thema der Freundinnenschaft viel Raum widmete, während romantische Beziehungen immer wieder kriselten und schief liefen. In ihrer neuen Serie «Too Much» zeigt sie nach wie vor eine Frau, die nicht der Norm entspricht, vor allem, weil diese «Too Much», also zu viel, zu emotional, zu laut ist − ein Thema, das in der Popkultur mittlerweile etabliert ist. Und dennoch findet die vermeintlich unkonventionelle Protagonistin auch hier sogleich ihre grosse Liebe, die sie zum Schluss der Serie dann auch heiratet, völlig anders als in «Girls» damals.
Was ist geschehen? Es scheint, als wäre ein Teil der Frauen in der Popkultur zurzeit nur dann selbstbestimmt, nur dann skeptisch gegenüber der «normalen» Kleinfamilie und deren Gefahren, solange sie keinen Mann an ihrer Seite haben. Als hätten sie auf den Moment gewartet, in dem sie – endlich angekommen in einer Heterobeziehung – die ganze Kritik und den Widerstand für einmal sein lassen und zu ihren eigentlichen Idealen zurückkehren könnten. Schluss mit Feminismus, das war eh zu anstrengend, jetzt lassen wir’s uns endlich mal gut gehen.
Girl next door
Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass neben dem «normalen» Kleinfamilienleben, gerade auch die «normale» Protagonistin einen neuen Hype erfährt. Die Teenie-Serien in den 2010ern waren ge- prägt von überaus gutaussehenden, aber eben auch krisenhaften Protagonist*innen, denen entweder aufgrund äusserer Umstände oder aufgrund ihres Charakters ein «normales» Leben verwehrt war: Weil sie reich waren wie in «Gossip Girl», sich in einen Vampir verliebten, wie bei «Vampire Diaries», oder von jemanden verfolgt wurden, wie in «Pretty Little Liars». Die Teenie-Serien der letzten Jahre wurden von selbstbewussten und zum Teil vielleicht etwas beflissen divers gewählten Charakteren bevölkert, die verschiedenste Konventionen sprengten. Die modernen Lebensentwürfe der Protagonist*innen und ihre Sorgen rückten in Serien wie «Sex Education» oder «Heartbreak High» ins Zentrum.
Zurzeit liegen jedoch in einigen Serien und Filmen, die an Teenies gerichtet sind, andere Protagonistinnen im Trend: Biedere Charaktere, die per Zufall übrigens alle braunhaarig sind. Sie sind fleissig, gut organisiert und nicht eingebildet. Sie sind ganz normal, tragen Jeans und Blazer und einen anständigen Pferdeschwanz. Darunter auch die Serie «The Summer I Turned Pretty», deren normale Protagonistin sich in einem Liebesdreieck wiederfindet. Die dritte Staffel wurde diesen Sommer ausgestrahlt und online überaus gehypt. Der Soundtrack der Serie besteht fast ausschliesslich aus Taylor Swift Songs.

