
In Knästen erfüllen sie eine unheimlich wichtige Funktion. Kassiber sind geheime Botschaften, die von Gefangenen gesendet werden. Entweder richten sie sich an andere Gefangene oder an Personen ausserhalb der Gefängnismauern. So manch (politische*r) Gefangene*r nutzte sie bereits dafür, Alltägliches zu organisieren, andere vor Gefahren zu warnen oder Aktionen bis hin zu einer Flucht zu planen. Das Wort stammt aus dem Hebräischen, wobei die genaue Wortherkunft nicht eindeutig ist, am naheliegendsten ist die Wortherkunft «kessaw», was so viel wie «Geschriebenes» bedeutet.
Aus anarchistischer Perspektive können Kassiber als Mittel zum Widerstand gegen Knäste verstanden werden. Denn sie sind ein Instrument, die staatlich verordnete Abschottung und Kontrolle von Gefangenen und ihren Kommunikationswegen zu umgehen. Das Wort gewinnt somit eine neue Bedeutungsebene, die über die individuelle Botschaft hinausgeht. Aus diesem Grund werden auch politische Fresszettel oder Flugblätter, die ausserhalb von Knästen von Hand zu Hand gereicht werden, teilweise als Kassiber bezeichnet. «[…] Kassiber sind nicht zentralisiert, jede*r kann sie losschicken, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen», steht in einem ebensolchen Kassiber, das mir in die Hände gefallen ist.
Historische Beispiele für Kassiber gibt es zahlreiche in unterschiedlichen Kontexten. Ich möchte nachfolgend zwei konkrete Beispiele herausgreifen. Dabei ist mit einem Augenzwinkern zu vermerken, dass es wohl über die wichtigsten Kassiber der Zeitgeschichte keine (auffindbare) historische Evidenz gibt, sind sie doch der Bedeutung des Wortes gerecht geworden und geheim geblieben.
Erstes Beispiel: Während der NS-Zeit spielten Kassiber für viele Gefangene eine zentrale Rolle. Das Museum Sachsenhausen verfügt über die Evidenz eines Kassiber-Austausches des kommunistischen Gefangenen Hein Schmidts, der Mitte 1936 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen über- führt wurde. Auch im KZ blieb er Teil einer international aktiven, illegalisierten kommunistischen Widerstandsgruppe. Für die Kommunikation nach «aussen» verwendete er Kassiber, die er in einer kleinen, selbst angefertigten Holzschatulle versteckte. Überliefert ist ein Brief, der als Kassiber an Schmidts Familie geschmuggelt wurde, in dem er über Verrat und das Grauen der KZs berichtet, doch auch Träume über einen sozialistischen Frieden hegt.
Zweites Beispiel: Auch der Anarchist Marco Camenisch machte in seiner Gefangenschaft Gebrauch von Kassiber. Dies wird im Buch «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand» berichtet. Nach seiner ersten Verhaftung Ende 1979, im Anschluss an den berühmten Anschlag auf das Kraftwerk Sarelli im Graubünden, sitzt Marco in Untersuchungshaft. Er darf dabei keinen Kontakt zum Mitangeklagten René Moser halten. Mithilfe eines Kassibers gelingt es ihm aber, diesen über seine Strategie vor Gericht zu informieren: «Es gelingt ihm dennoch, dem Freund und Mitangeklagten in einem Kassiber (heimliche Botschaft) mitzuteilen, dass er vor Gericht keinerlei Aussagen zum konkreten Tathergang machen werde».

