Inhaltswarnung: sexualisierte Gewalt

Intro
Ich bin wieder angsty, wie damals mit siebzehn. Würde andauernd weinen, wenn es ginge, die Tränen sind alle ready irgendwo hinter den Augen, dort zwischen den Ohren, ein kleiner Tümpel, der nicht abfliessen kann. Presst von Innen an meine Schläfen, macht mich schläfrig, mich irgendwo, mich wütend, so wütend. Würde laut schreien, wenn es ginge, dort beim Schlucken bleiben mir die Schreie im Hals stecken. Meine Stimme stolpert über sie, wenn ich rede, alle meine Wörter kommen schon angeschlagen aus mir raus. Schlage sie dir quer durchs hübsche Gesicht und schäme mich, staune, dass du trotzdem noch da bist. Falle immer wieder rücklings durch die Netze meiner kleinen Welt, falle durch Körper und Boden, durch Spiegel von Rausch. Reise in die Tiefe, reisse alles mit hinunter. Hier liebe ich mich, da hasse ich mich, dort fliehe ich vor Fühlen überhaupt. Ich rausche, wenn ich das Leben liebe, und ich rausche, wenn alles wieder im Eimer ist. Irgendwo zwischen Klinik und Klobrille tanze ich im Kreis. Doch meine Kreise werden grösser, immer wie länger werden meine Umkreisungen. Der Kreis wird zur Kurve, zum Gefälle, zur Strecke. Das Schreien wird erträglich, der Lärm schwindet, das Pochen nimmt ab. Wann wird Fallen zum Fliegen?
Alles danach und davor
Ich schreibe endlich wieder, bin dankbar dem Taxifahrer, dank dem ich schreie. Dank dem ich schreibe. Er wollte so fest Sex mit mir. Ich riss mich los und rannte. Ich zitterte mit dem Schlüssel in der Hand, alle Bewegungen fühlten sich unmöglich langsam an, in der Vorstellung, dass er viel zügiger sein könnte als ich. Ich bin still das Treppenhaus hochgeschlurft und bin dann, nachdem die Wohnungstür ins Schloss fiel, leer durch die Wohnung geschrien. Ich bin geschrien, ich war nur noch Geschrei. Hätte im Strahl kotzen können, als ich mein Zimmer roch. Es roch nach mir. Das Jahr ist erst fünf Stunden alt und ich bin schon over it. Auf der Toilette wünsche ich mir, dass meine Beine nicht zwischeneinander aufgingen, dass da ein Wulst wäre, der das Aufgehen unterbräche, dass es gar kein «zwischen meinen Beinen» mehr gäbe. Verfluche diese Körpermitte, diese Hölle, diesen Platz von Gewalt und Schmerz meines trotz meiner Proteste sich spaltenden Körpers. Sitze in meinem Zimmer am Boden, trinke noch ein Bier. Noch ein Bier. Rauche in meinem Zimmer, was ich sonst nie mache, rausche mich weg. Habe den Spiegel absichtlich so aufgestellt, dass ich mich selbst sehe, und ich sehe Hammer gut aus, fast wie eine echte Frau. Schreibe diesen Text zwischen hingeschmissenen Turnschuhen und Schlarpen, zwischen offenem Schminkzeug und getürmten, nie fertig gelesenen Büchern, neben meinem aufgewühlten Bett, wo meine Tasche sich selbst auskotzt: Schlüssel und Nastücher liegen über dem BH von gestern, daneben meine Teddybärin, ihr Gesicht vergraben in der frisch bezogenen Bettdecke. Morgen werde ich sie wieder wechseln müssen, diefrische Wäsche ist jetzt kontaminiert von meiner Schmutzigkeit. Ich habe mich zusammengefegt, zwischen den Weltmöbeln, in einem Dreieck gespannt zwischen Bier, Zigarette und Tastatur, höre London Grammar. Ohne Stimme in den Ohren, denke ich, wäre ich nirgendwo. Ich sitze in meinem Zimmer, zwischen den Schuhen und dem Zeug und schreibe diese Worte und niemand hört mich mehr, weil ich nicht mehr schreie.
Alles wird anders
In mir verschwimmen die Erinnerungen, ich habe mir einen Meeresspiegel angetrunken, darin spiegelt sich mein roter Kopf. Ich bin aus der Schublade gefallen und niemand hat mich wieder versorgt. Mein Körper schwimmt im Sturmauge. Um mich türmen sich die Wellenwände bis zu den Gewitterwolken empor, oben ein ewigblaues Loch. Eine Himmelslache, gefangen zwischen den Winden. Im Sturm ist man eingesperrt, zwischen Wolkendecke und Meeresboden, nur im Sturmauge sieht man in die Unendlichkeit hoch. Ich nehme tief Luft, fülle meine Lungen und tauche ab, in die ungewisse Dunkelheit des Ozeans runter, schwimme, tief, tiefer, strample so stark ich kann, bis ich erst mit meinen Fingerspitzen, dann mit dem ganzen Körper in etwas Festes, Kaltes pralle: Abgrund. Ich fasse Fuss und stosse mich ab, aus den Knien raus, schnelle nach oben. Eine menschliche Rakete. Gestreckt und Arme hoch, um mich wird es wieder heller. Ich schiesse aus dem Wasser, an den Wellenwänden vorbei, rase auf das Himmelsloch zu, es wird grösser und grösser. Schon bin ich draussen: Stille. Ich sehe den Sturm von oben, wie er über das Meer fegt, gewaltig und arg, sehe zu, wie er sich um sein Auge windet. Grausamster Zyklop, ich bin dir entkommen. Ich fliege für immer nach oben. Um mich wird alles blau. Ich fliege.

