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 «Vergiss Russland» 
 
Ohne wiedermal damit anfangen zu wollen, BUT: in unserer Kindheit war sie (die UdSSR) unser ‹grosser Bruder›, ‹unser väterlicher Freund›. Kritik wurde schärfstens geahndet.Entree
Nr. 301, Nov 06

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zum Weiterlesen:
«Tschetschenien – die Wahrheit über den Krieg», Dumont Literatur Verlag, 2002

«In Putins Russland», Dumont Literatur Verlag, 2005

*) Matto regiert, S.135 [matto: (ital.) ~verrückt ]

 

 

 

 

Dann kam Gorbatschow. Mit ihm ‹die Wende›, resp. der ‹Fall des eisernen Vorhanges›, und alle hofften nun, dass es ‹überall› demokratischer würde…

es gab verschiedene Versuche, doch das alles sah soweit noch nicht ‹dramatisch› aus…

Dann kam der zweite Tschetschenienkrieg, und mit ihm Putin.
Uns wurde schlecht, aber hey: wir mögen ja keine Vorurteile…
‹ehemals KGB›, was heisst das schon (wir haben wirklich keine Ahnung – aber ein äusserst unangenehmes Gefühl befiel uns), kurz darauf die Nachricht, dass das FSB grosszügig ausgebaut, Kriminal- & Polizei dezidiert verringert würde. Ganz toll! Gab‘s alles schon. Ging NIE gut (im Sinne einer ~menschlichkeit…). Aber er machte weiter, sich freundlich auf die Schulter klopfend mit diesem anderen Wahni jenseits des grossen Meeres…
ES IST UNGLAUBLICH

Kleines (populärstes ?!) Beispiel der russischen Politik: «Tschetschenien». Dort werden seit über zehn Jahren Menschenrechte mit Füssen getreten. Menschenleben sind das letzte, was zählt, in diesem Kampf um Geld und Macht. Und wie «effektiv» eine ‹totale Informationssperre› ist, wird auch gleich demonstriert. Anfangs gab es nur wenige Informationen, Berichte oder ‹tatsächliche Beweise eines Völkermordes› und noch viel weniger Menschen, die es wagten, diese, unter Einsatz ihres Lebens, aus den gesperrten Gebieten zu schmuggeln.


Eine von Ihnen war Anna Politkovskaja.

Die wohl engagierteste und härteste journalistische Kritikerin der Kremlpolitik wurde am 7. Oktober 2006, im Aufzug ihres Wohnhauses im Moskauer Stadtzentrum, durch mehrere Schüsse getötet.
Als Reporterin der kleinen oppositionellen Zeitung «Nowaja Gazeta» berichtete sie seit dem Ausbruch des zweiten Tschetschenienkrieges (1999), über die Gräueltaten, die sowohl von russischen Sicherheitskräften als auch von tschetschenischen Einheiten verübt wurden. Unermüdlich gab sie der leidenden Zivilbevölkerung ihre Stimme und versuchte so, die russische Bevölkerung wachzurütteln. Bis zum Geiseldrama in Breslan 2002 fuhr sie regelmässig in die Krisenregionen und sammelte dort Material um die Chronik der Unmenschlichkeit – in aller Deutlichkeit – in ihren Reportagen und Analysen zum Ausdruck zu bringen.

Dies unterschied sie deutlich von den meisten ihrer russischen Kollegen, die entweder aus Angst oder aufgrund der «fortschreitenden Verrohung» wegschauten beziehungsweise schwiegen.

Anna Politkovskaja jedoch blieb unerschrocken, unbequem und unbestechlich.

Schon seit geraumer Zeit war sie aus dem staatlichen Rundfunk und Fernsehen verbannt worden, auch ihre Bücher wollte in Russland niemand mehr veröffentlichen. Deshalb bemühte sie sich um Kontakte ins europäische Ausland, reiste durch Gross­britannien, Frankreich, Deutschland (…), stellte ihre Schriften dort vor und versuchte die Menschen über den «vergessenen Krieg» aufzuklären. Sicherlich in der Hoffnung, auf wirkliches Interesse und tatkräftige Unterstützung zu stossen.

Doch leider blieb es allzu oft bei Mitleidsbekundungen, gewissensberuhigendem Applaus und unzähligen Preisverleihungen, die ihr und somit auch der notleidenden tschetschenischen Bevölkerung nicht weiterhalfen.

Vielmehr zog diese «leere Aufmerksamkeit» den Kreis des Hasses, von Seiten des Kremls wie vom Moskautreuem Regime in Grozny, nur noch enger. Die Autorin erhielt immer wieder Morddrohungen, wurde vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB verhört und verhaftet. Sie überlebte einen Giftanschlag und wurde des Landes verwiesen, was sie zeitweise zur Flucht nach Europa zwang. Trotz alledem suchte sie für die Situation in Russland nicht nach fernen Schuldigen, vielmehr verurteilte sie die Gesellschaft und prangerte die Gleichgültigkeit der Menschen an. Nicht Putin sei der Übeltäter, sondern «nur ein aus dem Abseits agierender Vorläufer des nationalen Zynismus».

Mit Anna ist die wohl einfühlsamste und mutigste Stimme in Russland verstummt, ob mit ihr die Meinungsfreiheit und das Gewissen einer ganzen Nation, bleibt abzuwarten…



«…ich weiss, ich weiss, …»,
sagte er nach einer Weile,
«das sind müssige Gedanken, wir werden die Justiz nicht
ändern, wir werden die Men­schen nicht ändern, aber vielleicht können wir doch die Verhältnisse anders gestalten»*



Anna Stepanovna Politkovskaja : *30.08.1958 – †07.10.2006

 
 
       
      | grrr |